Deutsch ohne Stelzen mit Ottilie Baranowski

Münster-Wolbeck. Selten fällt Ottilie Baranowski ins „Dütsk up Stelten“, das „Deutsch auf Stelzen“. Auf Plattdeutsch erzählt sie, frei über ihr Leben, vorlesend aus eigenen und fremden Gedichten und Geschichten. Mit den ersten Sätzen zaubert sie am Donnerstag schon Freude in den Wolbecker AWO-Treff, später wird trotz „Apenhitze“ kräftig gelacht.

Münster und dem Platt verbunden

Einige gute  Bekannte heißen sie willkommen, darunter Hildegard Müller, die als Lehrerin selbst Platt unterrichtete, und zwei ehemalige Vorsitzende des Heimatvereins, Bernhard Bußmann und Bernhard Roer. Und als sie ein Gedicht über ein Neugeborenes vorliest, spricht Elisabeth Reichelt aus Angelmodde es lautlos mit, auswendig. Und rät: „Drink men Water!“
Die Familiengeschichte verbindet Baranowski mit Westpreußen: der Vater kam aus der Kreisstadt Karthaus nahe Danzig. So kennt sie auch den Drostenhof mit dem Westpreußischen Landesmuseum. Über Bevergern und dessen Täufer ist sie ebenfalls mit Wolbeck verbunden. Gut kannte sie den Redakteur Heinrich Füser aus Wolbeck, ebenso Augustin Wibbelt und Anton Aulke. „Beide waren für mich fast ein Begriff“, sagt sie.
Die 1925 Geborene wurde 1932 eingeschult. Kaum hatte sie gelernt, die Lehrerin mit Knicks und „Guten Morgen, Fräulein“ zu grüßen, da hieß es „Heil Hitler!“ üben, erinnert sie sich mit Abscheu. Wie viele Mädchen ihres Jahrgangs war sie nicht beim Reichsarbeitsdienst, sondern hatte in der Schreibabteilung die Wehrmacht zu unterstützen. Im Vorzimmer ihres Majors beim Luftgau-Kommando an der Manfred-von-Richthofen-Straße stand sie Wache, wenn der englische „Feindsender“ hörte. Am 20. Juli 1944 eröffnete der Major der 18-Jährigen, dass er beim Widerstand sei. „Sagen sie bloß nichts, sonst sind wir beide dran.“
Baranowski wollte immer Lehrerin werden, doch nach dem Krieg hieß es: „Wir müssen zuerst die Männer unterbringen.“ Mit 70 begann sie, die plattdeutsche Sprachschule im Mühlenhof in Münster zu leiten. Ihr eigenes Platt, sagt sie, liege zwischen dem Bevergerner Platt und dem zentral-münsterlander Platt.
Geboren ist Ottilie Baranowski in Bevergern, sie lebt heute in Brochterbeck – mit Blick auf Münster, wo sie 40 Jahre lang gearbeitet hat.  Nach der Tätigkeit in der Arbeitsverwaltungen war sie beim LWL war sie zuständig für überörtliche Sozialhilfe.
Spät hat sie entdeckt, was alles über sie als Autorin im Internet steht. Das zeigte ihr ihr Bruder, als sie ihn in den USA besuchte. Baranowski war von 1984 bis 1997 Geschäftsführerin der Augustin-Wibbelt-Gesellschaft in Münster. Häufig trat sie als Schauspielerin bei der Niederdeutschen Bühne Münster auf.„Max und Moritz“ hat sie ins Plattdeutsche übersetzt, auch englische Literatur. Sie erhielt zahlreiche Preise, darunter 1994 den Fritz-Reuter-Preis und 1997 die Augustin Wibbelt-Plakette des Kreises Warendorf. 1997 zog sie von Münster in ihren  Geburtsort Hörstel-Bevergern. Heute lebt sie in Brochterbeck bei ihrem Bruder.

{xtypo_sticky} Zum Thema:
Plattdeutsch hören oder auch sprechen kann man in Wolbeck beim Heimatverein: Jeden ersten Mittwoch im Monat im Achatius-Haus gegen 10 Uhr wird dort im „Plattdeutschen Kreis“ gelesen aus Werken von Heinrich Füser, Augustin Wibbelt oder Illa Andreae. Für Jung und Alt heißt es immer am letzten Mittwoch im Monat im Restaurant Sültemeyer um 20 Uhr: „Wi kuert Platt“.
Ein Lehr- und Lernbuch „Dat Mönsterlänner Platt“ haben Rita und Rudolf Averbeck herausgegeben (Gutverlag: Hörstel, 2007).{/xtypo_sticky}

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