Künstler-Biografie und Psychiatrie-Geschichte in eins: Robert Burda und Art Brut

Künstler-Biografie und Psychiatrie-Geschichte in eins: Robert Burda und Art Brut
Meike Detert, Robert Burda mit seiner Schwester, und Lisa Inckmann, Leiterin des Kunsthauses Kannen,Ausstellung Robert Burda im Kunsthaus Kannen bei der Vernissage am 3.7.2022

Zuletzt aktualisiert 28. Juli 2022 (zuerst 4. Juli 2022).

Ausstellung „Die Psychiatriegeschichte in den Zeichnungen Robert Burdas“ im Kunsthaus Kannen eröffnet

Münster-Amelsbüren. Wenn das System der Psychiatrie sich ändert, geschieht auch etwas mit dem Leben der ihm Ausgesetzten. Das zeigt eindringlich, weil verwoben mit einer Künstler-Biographie, die treffend so betitelte Ausstellung „Meine Alte Zeit. Die Psychiatriegeschichte in den Zeichnungen Robert Burdas“ im Kunsthaus Kannen. Meike Detert, Studentin der Soziologie und Kunstgeschichte, führte am Sonntag informativ ein.

Robert Burda, 1942 geboren, mit Anfang 20 in die Psychiatrie gekommen, 1984 einer der ersten in der Kunsttherapie an Haus Kannen, zeigt in seinen Zeichnungen Motive aus der früher gängigen landwirtschaftlichen Arbeit, Räume, Korrespondenz mit der Familie, Studien zu Farben.

Geradezu prägend ist, was man als Niederschlag einer ständigen Suche nach Selbstvergewisserung interpretieren mag, die Verortung in Raum und Zeit. Das Wo und Wann ist meist auf den Zeichnungen festgehalten, erst in Bremen, dann seit 1968 bei den Alexianern, ist mit voller Adresse notiert, viele Zeichnungen zeigen schematisch Zimmer, Säle, immer wieder auch die Daten, an denen er Zeichnungen er- und überarbeitete. Eine der Zimmer-Zeichnungen hat das Kunsthaus Kannen zum „Herzstück“ der Ausstellung gemacht, im Format von etwa sechs mal neun Metern – es füllt den Boden des Saales. Aber man könne es betreten, so Detert.

Was Burda bietet, ist auch ein Wechsel der Perspektive – statt der Reformer der Blick des Patienten.

Räume erfasst Burda häufig, sehr schematisch, technisch – mit einem ausgeprägten Sinn für Farben, deren Nuancen er in eigenen Blättern fein ausgearbeitet und auch beschriftet hat.

So wie sich bei ihm das Generelle des sich wandelnden Systems der Psychiatrie spiegelt, zeigt sich auch Individuelles. Etwa, dass Burda als einer von nicht so vielen einen guten Kontakt mit der Familie bewahren konnte. Dies zeigt sich in der Korrespondenz wie auch dem Umstand, dass Burda selbst mit seiner Schwester und einem Bruder bei der Vernissage zugegen war. So konnte er bei der Vernissage im Kunsthaus Kannen von einem Besucher und dessen Frau auch Dank und Anerkennung entgegennehmen.

Bis zum 25. September 2022 ist die Ausstellung zu sehen. Am 18. August kehrt ein Konzert der Reihe „Summerwinds“ am Kunsthaus ein.

Skizze zu Robert Burda

vom Kunsthaus Kannen nebst Fotos einiger seiner Werke:

Link

Wandel in der Psychiatrie nach dem II. Weltkrieg:

In der Ausstellung im Kunsthaus Kannen mit und zu Werken von Robert Burda ist auch viel über die Geschichte der Psychiatrie zu lernen. Denn die Ausstellungsmacher haben auch dazu Informationstexte in der Ausstellung untergebracht. Einiges lässt sich nun hier komprimiert nachlesen – die ganzen Texte gibt es in der Ausstellung im Kunsthaus Kannen – im Kontext des Schaffens von Robert Burda.

Die Informationen stehen unter der Überschrift „Der lange Schatten des Nationalsozialismus“. Der Text setzt ein mit der Krise nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Entbehrungen der Kriegsjahre hatten auch Einfluss auf die Psychiatrie in Deutschland gehabt. Die Infrastruktur der meisten Einrichtungen sei stark veraltet gewesen, und zwar „durch die Sparpolitik der Nationalsozialisten“. Außerdem waren psychiatrische Einrichtungen zum Ende des Krieges umfunktioniert worden zu Lazaretten oder Krankenhäusern. Zu den Patientinnen und Patienten, die den Mord an Kranken überlebt hatten, kamen nach Ende des Krieges viele neue Patienten und Patienten hinzu. So waren die verbliebenen Einrichtungen oft stark überbelegt.

Daher wundert es nicht, wenn diese Menschen im großen Betten-Sälen untergebracht wurden und nur wenig Privatsphäre hatten. Die Knappheit bei Versorgung und Nahrung belastete die Einrichtungen. „Die Versorgungssituation war in ganz Deutschland kritisch, doch gerade die psychiatrischen Einrichtungen wurden bei der Versorgung vernachlässigt und deshalb besonders hart getroffen.“

Der gesundheitliche Zustand vieler Patientinnen und Patienten verschlechterte sich in dieser Zeit, auch nach dem Ende des Weltkrieges.