Münster-Wolbeck (agh). Der Tiergarten war einst voller Großwild – bis die Preußen kamen. Diese und weitere Stationen der Waldgeschichte im Tiergarten konnten rund zwei Dutzend Teilnehmer einer Exkursion mitnehmen, die die Veranstaltungsreihe „Vielfalt Wald: Geschichte, Pflanzen, Tiere“ abschloss. Organisiert wurde sie vom Wald-Zentrum der Universität Münster gemeinsam mit dem Forstamt Münster, im Rahmen der seit 2003 laufenden Reihe „Lebendige Vielfalt – Biodiversität in Münster“. Zum Auftakt hatten im Schulzentrum Wolbeck bereits Dr. Monika Wulf, Dr. Michael Petrak und Dr. Thorsten Mrosek vor etwa dreißig Zuhörern referiert – Wissenschaftlern, Praktikern, Studierenden, aber auch interessierten Laien aus Wolbeck. Dabei ging es um die Bedeutung alter Waldstandorte für die Pflanzenvielfalt, um die Lebensraumnutzung großer Wildtiere als Schlüssel zur Biodiversität und um die nachhaltige, multifunktionale Nutzung des mit der Tiergartenheide 350 Hektar umfassenden Wolbecker Tiergartens.
Vom Jagdrevier des Kurfürsten zur Forstwirtschaft
Geleitet wurde die anschließende Exkursion von Forstdirektor Klaus Paschke und Oberforstrat Alfred Edelhoff vom Forstamt. Paschke erklärte, der Baumbestand im Tiergarten sei mehrere hundert Jahre alt – deutlich älter als der durchschnittliche Bestand in Nordrhein-Westfalen, der meist auf die Aufforstungswelle um 1850 zurückgeht und damit erst zur ersten Generation zählt. Der Tiergarten diente einst Kurfürst Clemens August als Jagdrevier; die bis heute sichtbaren geometrischen Wegeverläufe waren ursprünglich Jagdschneisen, angelegt, um das Wild gezielt in Schussweite zu treiben. Aus dieser Zeit stammt auch das von Pictorius entworfene Jagdschlösschen, während der Ringwall einst rund 100 Hirsche und 500 Wildschweine am Entkommen hinderte, die dem Kurfürsten nicht weglaufen sollten. Für die Teilnehmenden war es ein anschauliches Beispiel dafür, wie stark fürstliche Jagdinteressen die Struktur eines Waldes über Jahrhunderte prägen können.
Säkularisation und die preußische Zäsur
Einen radikalen Einschnitt in der Waldgeschichte des Tiergartens markierten die Säkularisation von 1803 und die anschließende preußische Verwaltung: Blüchers Jäger erlegten den gesamten Wildbestand, fortan ging es vor allem um Holznutzung. Heute betreibt das Forstamt eine „naturgemäße Waldbewirtschaftung“, die kommerzielle Holzwirtschaft, Jagd, Forschung von Fledermaus- und Kohlmeisen-Forschern sowie Erholungssuchende unter einen Hut bringen soll – keine leichte Aufgabe, wie Oberforstrat Edelhoff einräumte, denn die Natur neigt nicht von allein zur Vielfalt, die das System der naturgemäßen Bewirtschaftung erst aktiv herstellen muss – eine Erkenntnis, die viele Teilnehmende der Exkursion so nicht erwartet hatten und die im Anschluss noch für Gesprächsstoff sorgte.
Die Eiche als Kulturprodukt
Besonders deutlich wurde das am Beispiel der Eiche: Ohne gezielten menschlichen Eingriff würde die beliebte „deutsche“ Eiche im Tiergarten zurückgehen, betonte Edelhoff – sie sei letztlich ein Kunst- oder Kulturprodukt jahrhundertelanger Waldbewirtschaftung, kein rein natürlicher Zustand. Auch eine absterbende Buche am Wegesrand zeigte den Teilnehmern, wie Vielfalt entsteht: Totholz bietet Tieren neuen Lebensraum und schafft zugleich Platz und Licht für nachwachsende Bäume. Das Forstamt organisiere gern weitere Gruppenführungen im Tiergarten, ergänzte Edelhoff zum Abschluss – ein Angebot, das sich nicht nur an Fachpublikum richtet. Für die Teilnehmenden war gerade dieser Perspektivwechsel aufschlussreich: Was auf den ersten Blick wie unberührte Natur wirkt, ist im Tiergarten meist das Ergebnis jahrhundertealter, sorgfältig austarierter forstlicher Entscheidungen.
Fazit
Die Exkursion machte deutlich, dass Vielfalt im Tiergarten kein Zufall ist, sondern Ergebnis jahrhundertelanger, bewusster Waldbewirtschaftung – von fürstbischöflichen Jagdschneisen bis zur heutigen naturgemäßen Forstwirtschaft. Das Forstamt organisiert auf Anfrage weiterhin Gruppenführungen im Tiergarten, und auch das Wald-Zentrum der Universität Münster greift das Thema regelmäßig in neuen Veranstaltungen auf. Wer selbst tiefer in die Waldgeschichte des Tiergartens einsteigen möchte, findet bei Forstamt und Heimatverein Ansprechpartner, die gern weiterhelfen. Mehr zur Waldgeschichte im Tiergarten und zu aktuellen Führungen gibt es auf wolbeck-muenster.de.
Weiterführender Link: Der Tiergarten in Wolbeck
