Virtuoses Gotteslob in Varianten

Sendenhorst. Sie hat nicht die Register und den Klangraum der Orgel von Notre-Dame, der einem Teil der in diesem Konzert vorherrschenden französischen Komponisten zur Verfügung stand. Doch auch der schon in Asien und USA aufgetretene Essener Dom-Organist spielte mit Vergnügen auf der Woehl-Orgel von St. Martin. Jürgen Kursawa eröffnete am Sonntagnachmittag den Sendenhorster Orgelherbst. Eine Woche zuvor hatte der Gast einer Gruppe von Sendenhorstern seine neue Domorgel vorgestellt.

Das Lob Gottes bestimmte Kursawas Werkauswahl. Nach der Beschreibung, die Organist Benedikt Bonelli ihm von Orgel und Kirche gegeben hatte, wählte Kursawa Stücke aus und legte während einiger Stunden Probe in St. Martin die endgültige Auswahl und die Interpretation fest. Der 1959 geborene Organist liebt es, sich auf andere Orgeln und Klangverhältnisse einzustimmen. So haben Orgeln nicht immer dieselben Register, weder nach Zahl noch nach Art. Auch hier ist der Organist als Künstler gefordert: „Sie können fünf Organisten nehmen, ein Werk wird sich jedes Mal ganz anders anhören“, sagte Kursawa am Rande des Konzerts gegenüber den Westfälischen Nachrichten.

Dem roten Faden zum Trotz war die Auswahl reich an Abwechslung. Bei Jean Langlais „Hymne d’Actions de grâces ‚Te Deum’“ spielte Kursawa sowohl die Klangstärke der Woehl-Orgel wie ihr feines Ansprechen auch bei den leisen Tönen aus; mehrere Sprünge in überraschend andere Klangfarben setzte einen weiteren Akzent in dem verhalten ausklingenden Werk des blinden Pariser Organisten (1907-1991). Die im Basso zu findende Melodie des Lobgesangs greift auf eine gregorianische Melodie zurück. Die führe  bis in das 4. Jahrhundert zurück, so Kursawa.

Einen festlichen Lobgesang anderer Art bietet César Franck in seinem Choral Nr. 2 h-Moll. Franck markiert den Beginn des Wiederaufstiegs französischer Orgel-Komposition, der sich auch mit dem Namen Messiaen verbindet. Dieser Choral ist weder deutsches Kirchenlied noch gregorianischer Choral, es ist eine selbst erfundene, einem Choral ähnliche Melodie. Die entwickelt sich in immer neuen freien Stimmen, die Kursawa trefflich herausarbeitete.

Wie andere seiner Werke prägt die Natur auch Olivier Messiaens Pfingstmesse, aus der Kursawa die „Kommunion“ spielte. Messiaens Naturerleben gibt in „Die Vögel und die Quellen“ den  Rhythmus vor, nicht der Mensch. Wassertropfen, Kuckuck und Nachtigall sind hier herauszuhören, nicht immer leicht. Seine Werke sind theologisch in höchstem Maße aufgeladen: Für Messiaen künden Vögel von Erlösung und verbinden Himmel und Erde.

Orchestrale Klangfülle bot Kursawa in Louis Viernes III. Symphonie op. 28, dem Schlusspunkt des den vier französischen Komponisten gewidmeten, von Sonne verwöhnten Nachmittags. Der lange Jahre blinde Komponist Vierne (1870-1937) fand auf der gewaltigen Orgel  von Notre-Dame Möglichkeiten, die Kursawa virtuos auf die von St. Martin zuschnitt. Das Finale: ein schwungvoll geworfener Satz mit der Urgewalt eines Sturms, ekstatisch endend.

In der Zugabe, nach stehendem Beifall schnell gegeben, griff Kursawa ein Tanz-Motiv aus Viernes Werk auf und improvisierte einen argentinischen Tango. „Auch so kann ein Lobgesang sein“, meinte Kursawa.

Organisiert hat den Orgelherbst der Förderverein „Freunde der Kirchenmusik an St. Martin.

> Weitere Termine des Orgelherbstes: 25. September (Robert Kovács spielt Bach, Alain, Franck, Messiaen und Bruckner) und 2. Oktober (mit Oboe, Werke von Rheinberger, Litaize und Vierne) jeweils um 19 Uhr.

Fotos:
Den Organisten des Essener Doms, Jürgen Kursawa, konnte der Förderverein von St. Martin für ein Konzert in Sendenhorst gewinnen.

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