Totenbrauchtum in Westfalen: Hans-Peter Boer erzählt

Hans-Peter Boer in der Gaststätte Steenpaorte an der Münsterstraße in Wolbeck.

Münster-Wolbeck. Am Donnerstag nach Allerseelen ging es im Offenen Kulturkreis um das Totenbrauchtum in Westfalen. Dazu war Hans-Peter Boer in die Gaststätte An de Steenpaorte zum Kreis von Ingrid Brock-Gerhardt gekommen. Locker, kenntnisreich und mit viel Bildmaterial von Nottuln bis Mexiko erzählte er. Derzeit diskutiere der Bundestag um Sterbehilfe, auch gebe es die Hospiz-Bewegung. „Jeden weiß, dass es ihn betrifft, aber es wird meist weggeschoben.“ „Ich fange meine Zeitungs-Lektüre immer mit den Todesanzeigen an.“ Die seien heute „persönlicher und ungewöhnlicher“ als früher.

Früher gab es im öffentlichen Leben sehr viel mehr, was daran erinnerte. Totentanz-Darstellungen erinnerten daran, dass der Tod jeden holt, unabhängig von Geschlecht, Alter oder Reichtum und Ansehen. Im Tod gebe es keine Gerechtigkeit, nichts zu kaufen, er ist unabwendbar, so Boer.

Umfangreich und klar geregelt war der Umgang mit dem Todesfall. Es müsse auch feste Bräuche geben, so Boer, der den Theologen Manfred Becker-Huberti zitierte: „Es ist das, was einen Tag von anderen unterscheidet, eine Stunde von den anderen.“ Und wahrscheinlich ist nur dem Menschen bewusst, dass er nur auf Zeit existiert. Brauchtum stellte klar, was zu geschehen hatte, wie in den Baumbergen: Der erste Nachbar geht herum, gibt allen Bescheid. Teils wurden Münzen reihum weitergegeben. Der Leichnam blieb häufig zuhause, teils traf man sich am offenen Sarg, zum Abschiednehmen, trank gemeinsam, auch zu Musik. Boer zeigte ein Foto eines solchen Brauchs aus Mexikol: Da sitzen junge Leute nahe dem Sarg beim Kartenspiel. Die Gemeinschaft von Lebenden und Toten wurde gepflegt. Das spiegelte sich auch in der Sitte, die Toten auf einem Friedhof im Zentrum, neben der Kirche, zu begraben. Das Bevölkerungswachstum setzte dem ein Ende. Lichter spielten eine Rolle, Riten, die auch den Adligen zu einem „armen Sünder“ machten, wurden gepflegt. Teils bis heute, beim Begräbnis Otto von Habsburgs.

Ein extremer Fall einer Stiftung für eine Totenmesse war der Tod des Feldherrn Tilly: 300 Jahre wurde die Messe gelesen. Trauer und das Geheimnisvolle des Todes lagen eng zusammen mit dem Feiern, schon im Leichenschmaus. Auch Trauerzeiten waren geregelt.
Boer klärte, was ein „ansehnliches Nachfolgen“ ist: Die Zahl der Menschen, die dem Sarg folgt, steht für das Ansehen des Toten und der Familie. Rechnungen wie die für einen Domherren von 1772 belegen, dass für solche Anlässe auch Gruppen „eingekauft“ wurden. Gut dran war, wer  Schulkinder bestellen konnte. „Gesang und Gebet unschuldiger Kinder ist sehr gut.“

Wie schon 2011, als Boer in der früheren AWO-Begegnungsstätte über seine Kattenstroht-Romane und die historischen Nachforschungen dazu sprach, nahm er gern während des Vortrags die Fragen und Erfahrungen aus dem Publikum auf.

Weiter im Programm des Offenen Kulturkreises geht es am 12.11. mit einem Film-Vortrag „Rundum die Wasserburg Vischering – ein Herbstspaziergang zwischen Gestern und Heute“ von Michael Schadewitz, gefolgt am 19.11 von „Jüdische Kultur – Geschichten und Musik mit Dr. Hildegard Kuithan.

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