Theaterblut zeigte ‚Gottverlassen‘ im Haus Siekmann

Teilen heißt kümmern!

Sendenhorst. Hat da eine Regisseurin sämtliche Landeier-Klischees herbeigezerrt, die Schlimmsten stilisiert und mit einem Schuss eigener Phantasie zu einem Gruselkabinett verwoben? Das am Sonntagabend in Haus Siekman aufgeführte Stück „Gottverlassen“ der münsterischen Regisseurin Stefanie Bockermann kann man unterschiedlich sehen.

Der Beginn: Sie ist schwanger, sagt sie, er freut sich – wie harmonisch. Aber warum ist sie so bedrückt? Schnell mach „Gottverlassen“ klar: Hier stimmt Grundsätzliches nicht, hier auf dem Dorf. Er ist gerade verwitwet, sie vermeintliches Inzest-Opfer. Richtig laut sagt es der Bürgermeister nach einigen Schnäpsen, „das wisse ja jeder“.  

Der Würdenträger säuft mit seinen Bürgern und Frauen, die er für Trottel hält, für undankbare zumal. Immerhin, dem Pfarrer gibt er den Wink, sich um Freddie, den Witwer zu kümmern. Der schaffe das sonst nicht.

Freundlich, vielleicht etwas dämlich gibt sich der Fahrradhelm-Träger. Der rät dann aber Freddie zum Durchgreifen gegenüber der von jenem Geschwängerten.

Freundlich, aber still und zurückhaltend ist der Pfarrer. Einmal treibt sein bloßes Auftreten die tratschende Menge auseinander, sonst ist er stummer Zeuge. Dann philosophiert er in Stöckelschuhen darüber, warum nur Frauen solche tragen dürfen, probiert seine Frauenperücke. Aber Lippenstift würde er niemals benutzen.

{smoothgallery folder=images/stories/sendenhorst/siekmann/2008-gottverlassen&sort=asc&timed=true} 

Sehnsucht nach etwas anderem ist auch in ihm, eigentlich wollen sie alle weg. Wie die junge Mutter, die auf einem Stuhl stehend in der Ferne „herrliche Farben“ entdeckt: „Und es riecht nach Glück, nach frisch gewaschener Welt, ganz anders als ich rieche“.

Schritte in die Ferne macht keiner der Protagonisten. Die Ladenbesitzerin vertraut einem der Männer an, wie gern sie in ihrem Laden eine Tchibo-Abteilung hätte. Ein bisschen aus der weiten Welt, ein bisschen Unwesentliches.

Bestenfalls etwas dämlich und chauvinistisch kommen die anderen Männer daher, der Rest als finstere oder fiese Psychopathen. Die Frauen komplexbeladen, spätestens beim ersten Alkohol frivol. Und alle beschränkt, unfrei in ihrem Denken. Liebe? Fehlanzeige. Einige tollende Kinder gibt es auch in „Gottverlassen“ – die Angst wächst, die Welt dieser Erwachsenen könnte über sie hereinbrechen.

Das Drama schreitet fort zum Mord, den Freddie einer Frau mitteilt: Die Forke stand da so, darf die das? Flugs spricht der Egozentriker sich frei von Schuld.

Ganz realitätsfremd und effekthascherisch? Der erste Frager beim Publikumsgespräch moniert das verwertete Missbrauchsthema: Das sei schon Mode geworden. Eine Frau, in einer Bauernschaft ausgewachsen und für Jahre daraus entflohen, findet sich eher in der Enge des Stück wieder. Bockermann hat Erfahrungshintergrund – sie arbeitet als Theaterpädagorin viel mit Jugendlichen vom Lande. 

Theater könnte andere Aspekte des Dorflebens beleuchten. Typisches, Problematisches muss sich nicht in Extremfiguren, in Skandal und Mord erschöpfen.