Stoffreste und Pfefferminz-Likör: AWO lauscht Christiane Cantauw

Münster-Wolbeck. „Ich finde die traurigen Geschichten meistens schöner“, meint Christiane Cantauw am Donnerstag in Wolbeck im AWO-Treff. Die Volkskundlerin las dort vor 20 Gästen einige der Geschichten, die in den Jahren 2007 und 2008 nach einem Aufruf eingesandt worden waren: Die Leser aus Westfalen mögen doch bitte Erzählungen von Weihnachten aufschreiben, die ihnen in Erinnerung geblieben waren, ob aus der Kindheit oder aus Erwachsenenjahren.

2008 und 2009 erschien eine Auswahl der Erlebnisse aus dem Münsterland, dem Sauerland, dem Lippischen und vom Niederrhein, herausgegeben von ihr und Johannes Loy, Feuilleton-Chef der Westfälischen Nachrichten, im Verlag Aschendorff: „Mein Weihnachten: 100 erlebte Geschichten“ und „Mein Weihnachten II“.

Aus beiden las Cantauw in der Hofstraße zwischen Kaffee und Kuchen und Roibosch-Tee mit Sahne, Zimt und Glühwein-Gewürz. Da tauchten auch bei Gästen wie Ute Elpers Erinnerungen wieder auf: Da rechnet ein Vollwaise in der Geschichte aus dem verschneiten Winter 1946 mit gar keinem Geschenk, geht traurig ins Bett, findet am nächsten Morgen eine selbstgemachte Puppe aus Stoffresten vor – und freut sich daran über viele Jahre. Eine Familie destilliert in der Nachkriegszeit aus Zuckerrüben in der Küche Schnaps; mit Pfefferminz-Essenz soll aus der streng geheimen, verbotenen Aktion Pfefferminz-Likör werden – emsig wird geschnippelt, es zischt und brodelt lange in langen Schläuchen, doch alles endet in einer klebrigen Explosion: Gemeinsam reinigt die Familie am Heiligabend Möbel, Zimmerdecke und Eltern. Und eine Frau erinnert sich, wie in ihrer Familie, als sie zehn Jahre alt war und die DDR noch existierte, Geschenkpakete für die Verwandschaft „drüben“ gepackt wurden. „Das ist noch gut, das können wir in die DDR schicken.“ „Man kann sich herrlich hineinversetzen“, lobt Cantauw die Geschichten, und eine Frau merkt an: „Ich hab' auch so eine Zeit erlebt.“
Dass Weihnachten so kommerziell geworden sei, diese Klage finde sich schon 1850 in einer Zeitung, so die Volkskundlerin. Heute sei das nicht mehr Wenigen vorbehalten, merkt sie an.
 Cantauw ist beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe Geschäftsführerin der Volkskundlichen Kommission und publiziert auch zu Themen wie „Kinderalltag in Stadt und Land, 1800-1945“, dem Entstehen des „Muttertags“ oder jüngst zu „Alltagsgeschichte in Bildern 06. Mit Wasserpistole und Ballkleid: Feste, Bräuche und Rituale rund ums Abitur .“
Beim letzten Donnerstags-Termin der AWO-Wolbeck gab es für die Gäste eine Weihnachts-Tasse; die Gäste wiederum hatten Präsente für das Team der AWO um Ingrid Brock-Gerhardt und Kuchen-Spezialistin Beate Weinert mitgebracht. Weiter geht es am 5. Januar mit einem Vortrag „Trier, Aachen, Luxemburg: Vom Europa der Römer zum Europa 2000“.

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