Stadtmuseum Münster holt den Bildhauer und Grafiker Aloys Röhr aus der Vergessenheit zurück

Münster/Kunst. „Man wird noch erkennen, welche Bedeutung dein Schaffen (…) hatte, wenn man das Werk deines arbeitsreichen Lebens einmal sammelt und sichtet“. Hans Ostermann spricht diese Worte 1953 am offenen Grab seines Freundes und Künstlerkollegen Aloys Röhr. 56 Jahre später wird sich die Einschätzung bewahrheiten: Das Stadtmuseum Münster gibt dem in Vergessenheit geratenen Bildhauer und Grafiker mit einer Sonderausstellung ein Gesicht.

Ein Stiller im Reiche der Künstler

Die Werkschau rückt nicht nur eine lange übersehene Künstlerpersönlichkeit ins Rampenlicht. „Seit Jahren forscht das Stadtmuseum zu Röhr“, so Direktorin Dr. Barbara Rommé. „Wir präsentieren nun die Ergebnisse dieser intensiven Sammeltätigkeit – vieles davon zum ersten Mal in der Öffentlichkeit“.

 Aloys Röhr (1887-1953) wirkte über 30 Jahre in Münster. Aus Leihgaben und seinem eigenen inzwischen stattlichen Bestand – den Anfang machte 1986 Röhrs „Frauenkopf“, ein Geschenk des Fördervereins – hat das Stadtmuseum über 120 Grafiken, Holzschnitte und Skulpturen für die Ausstellung ausgewählt. Im Mittelpunkt: Arbeiten, die zwischen 1920 und  1930 entstanden. Anfänglich noch dem Jugendstil verhaftet, wandte sich Röhr um 1919 dem Expressionismus zu. „Es waren seine besten Jahre“, sagt Röhr-Experte Dr. Bernd Thier vom Stadtmuseum.

Das Werk des westfälischen Künstlers ist bestimmt von tropischen Landschaften, Frauenakten, Tiermotiven sowie religiösen Darstellungen. Die Ausstellung kontrastiert Holzschnitte mit Reliefs und Skulpturen. Bewusst hat Bernd Thier auf eine aufwändige Inszenierung der Ausstellung verzichtet: „Die Werke wirken für sich“.  Lediglich in kräftigem Grün gehaltene Wände geben einen Hinweis auf das bevorzugte Arbeitsmaterial Eichenholz des Bildhauers: Er schnitzte direkt aus Holz und verzichtete – obgleich begnadeter Zeichner – durchweg auf Skizzen. Dass Röhr auch mit anderen Materialien umzugehen verstand, lässt sich exemplarisch an einen Objekt ablesen: Eine Autokühler-Figur aus Messing in der Form eines springenden Steinbocks zieht die Blicke auf sich.

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Bester Holzschnitzer Deutschlands

„Aloys Röhr gehörte in den 1920er Jahren unbestritten zu einem der wichtigsten Vertreter des deutschen Nachkriegsexpressionismus“, urteilt Bernd Thier.  „Seine Arbeiten sind von hoher Qualität. Er prägte überdies seinen eigenen Stil“. Für den Bremer Kaffee-Kaufmann Roselius galt Röhr gar als bester Holzschnitzer Deutschlands seiner Zeit.  Der hanseatische Kunstmäzen beauftragte den Münsteraner mit Figurenschmuck für Bremens prominente  Böttchergasse (1924-27).

Doch die intensivsten Spuren hinterließ der scheue und eigenwillige Bildhauer in Münster. Ein bescheidenes Zimmer an der Ostmarkstraße diente ihm als  Wohnstätte und Atelier. Bis 1944 war er in fester Anstellung beim Bildhauer Albert Mazzotti.

Zum Hauptwerk Röhrs gehören 46 Reliefplastiken für die Kapelle des Studentenheimes am Breul. Aus luftiger Höhe blickt Röhrs Figurenschmuck mit musizierenden Engeln vom Rathausgiebel hinab. Ausstellungsbesucher sehen eines der Modelle, das Paul Waldow nach dem frühen Tode Röhrs ausführte. Spaziergänger in Münster begegnen der künstlerischen Handschrift Röhrs an vielen Gebäudefassaden in der Innenstadt, vor allem am Prinzipalmarkt und  am Dom. Historische Fotos belegen die Kirchenkunst des Mitbegründers der Künstlergemeinschaft „Schanze".

Forschungen gehen weiter

Seit nahezu zehn Jahren trägt Kulturhistoriker Bernd Thier im  Stadtmuseum die Puzzlesteine zu Aloys Röhr zusammen. Aufgrund der dünnen Forschungslage sind Zeitzeugen nach wie vor die  für ihn  wichtigste Informationsquelle. Die Ausstellung sei auch „ein Versuch, sich der Künstlerpersönlichkeit  Röhr zu nähern, sie zu begreifen und historisch aufzuarbeiten“. Hans Ostermann entbot seinem Künstlerfreund mit folgenden Worten 1953 den letzten Gruß: „Du warst ein Stiller im Reiche der Künstler, ein Einsamer“.

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Info: Aloys Röhr – ein Grafiker und Bildhauer aus Münster; bis 20. September im Stadtmuseum Münster, Salzstraße 28, dienstags bis freitags 10 bis 18 Uhr, samstags/sonntags 11 bis 18 Uhr. Zur Ausstellung erscheint ein Katalog, der zum ersten Mal umfassend das grafische und bildhauerische Werk des Künstlers dokumentiert, 128 Seiten, 270 Abbildungen (18, 50 Euro).

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