Stadt ohne Handel? Städtebauliches Kolloquium denkt auch radikal über Münster nach

Diskutierten mit vielen Beispielen: Jörg Beste vom Architektur-Forum Rheinland, Christa Reicher, Architekt Marc Hehn, Bernadette Spinnen, Thomas Viehoff von der Kaufmannschaft Münster und Uwe Seibel von der Werbegemeinschaft Paderborn. Foto: A. Hasenkamp.

Städtebauliches Kolloquiums „Handel + Stadt“ des Münsterländer Architekten und Ingenieurvereins (MAIV)

Münster. Ein Appell an radikaleres Denken in der Stadtplanung durchzog den zweiten Teil des städtebaulichen Kolloquiums „Handel + Stadt“. „Strategien für die Zukunft“ lautete nach der Ist-Analyse des ersten Teils die vom Münsterländer Architekten und Ingenieurverein (MAIV) gestellte Aufgabe.
Braucht man noch Handel in der Stadt? Was wären Folgen? Christa Reicher, Architektin und Städteplanerin der RWTH Aachen, verwies am Dienstag im Saal der Bezirksregierung auf kommende Brüche im Handel: Was bevorstehe, sei ein Wandel so groß wie in den 1930er Jahren. Das radikale Denken förderte Interessantes zutage, auch in Beiträgen aus dem Publikum von gut 40 Gästen. Da schlug einer vor: „Machen wir aus dem Dom eine Handelshalle!“. Aber, kam es von anderen, etwa Uwe Seibel von der Werbegemeinschaft Paderborn: Die Kirchen hätten eine wichtige Funktion, Ruhe und Abwechslung inmitten des Trubels aus Events und Handel.
Die Erreichbarkeit der Innenstädte wurde ebenso gefordert wie ein Konsens zu bestehen schien, den individuellen Auto-Verkehr aus der Innenstadt zurückzudrängen.

Dass das Sichern eines attraktiven Kerns anders gehen könnte, darauf wies Reichert hin: Für die Seestadt Aspern Wien habe die Kommune reihenweise die Erdgeschosse von Häusern angemietet und die Nutzung aufgeteilt. Man dürfe nicht die je aktuelle Nachfrage zum Maßstab machen, so Reicher, sonst man lande immer beim Wohnen, aber nicht bei Zukunftsträchtigem, einem Nutzungs-Mix. Leider sehe sie viele Planungen im Stil der 1970er – obwohl man wisse, dass es so nicht funktionieren kann. Reicherts These 5 „Stadtgestaltung benötigt radikalere Konzepte“. Etwa Experimente mit Autostraßen, die autofrei zu „linearen Parks“ wurden.
Funktionstrennungen wie Wohngebiet hier, Einkaufszentren dort, führen zur Schlafstadt mit Auto vor der Tür: Wie sonst solle man den Familien-Einkauf noch bewältigen? Als Beispiele für Fehlentwicklungen nannte man u.a. Telgte und Vreden.

Dass man sich auch über Jahre „die Zähne ausbeißen kann“, daran erinnerte Bernadette Spinnen mit Blick auf die Windthorststraße, die ein attraktives Eingangs-Tor zur Innenstadt sein sollte, es aber nicht ist. Ein Appell galt der Experimentierfreudigkeit.

Weiter beteiligten sich der Architekt Marc Hehn und Tobias Viehoff von der Kaufmannschaft Münster sowie Ulrich Wiemeier und Wolfgang Echelmeyer vom MAIV am städtebaulichen Kolloquium „Handel + Stadt“.

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