Mit Ironie gegen Gräuel und Elend Simplicius Simplicissimus dargeboten von Markus von Hagen und Manfred Kehr

Mit Ironie gegen Gräuel und Elend Simplicius Simplicissimus dargeboten von Markus von Hagen und Manfred Kehr
Dulcimer und Drehleier begleiteten manchen Gesang im Dreißigjährigen Krieg: Wie ihn die Roman-Figur des Schelmen Simplicissimus erlebte, ließen Markus von Hagen und Manfred Kehr lebendig werden. Foto: A. Hasenkamp, Fotograf in Münster.

Zuletzt aktualisiert 24. Januar 2018 (zuerst 11. Januar 2018).

Münster-Wolbeck (agh). Über drei Jahrhunderte weit weg und doch ganz nah war am Donnerstag der Dreißigjährige Krieg in der Gaststätte „An de Steenpaorte“. Beim „KulturKreis“ kam die Roman-Figur des Schelmen „Simplicius Simplicissimus“ zu Wort: Markus von Hagen erzählte und las aus dem ersten großen deutschen Roman, verfasst von Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen, dazu sang Manfred Kehr Lieder der Zeit und spielte Dulcimer, Mandola und Drehleier.
Vor allem in deutschen Gebieten fraß der Krieg, der Roman spielt nicht zuletzt in Westfalen. So führt die Geschichte den Simplicissimus nach Soest, Recklinghausen und zum Luzifer in Paderborn, auch zum Sonderling „Jupiter“ in Dorsten. Der ist Fantast und gefühlter Fürst, durchgeknallt und fühlt sich allen überlegen. Das habe Grimmelshausen „fein, ganz fein beobachtet“, sagt von Hagen und fühlt sich an heutige Gestalten erinnert. Sehr aktuell sei auch etwas anderes: Der Krieg produziert und hinterlässt Menschen, die nur das Kriegshandwerk kennen: Wie werden sie sich ernähren, wenn „Friede“ ist? Das sei auch heute ein Problem, etwa im arabischen Raum.
Ein Bordun-Instrument wie das Dulcimer ist „eine ganze Band in einem Instrument“, erläuterte Kehr, der Musiker „brauchte die Gage nicht zu teilen“. Kehr und Hagen verknüpften Auszüge aus dem Simplicissimus in fließenden Übergängen mit den Liedern. Fröhliche sind darunter, andere erzählten von Hungersnote und den Klagen der Bevölkerung. Welche Soldaten auch immer kamen, immer hatten die Zivilisten zu leiden. Durch eine Schutzhülle der Ironie lässt Simplicissimus die Gräuel erträglich erscheinen und verstört zugleich mit dieser Distanz.
Erschlossen hatten sich Kehr und von Hagen das Werk schon 2008 auf Anfrage der Grimmelshausen-Gesellschaft. Das Nachtigallen-Lied hatte Kehr zur Melodie des Chorals „Schön leuchtet der Morgenstern“ adaptiert.
Nun hatte sich Ingrid Brock-Gerhardt für den KulturKreis das Thema zum Auftakt des Jahres 2018 gewünscht – zum 400. Mal jährt sich der Beginn des Dreißigjährigen Krieges. Das traf das Interesse von 18 Gästen. Weiter geht es am 25.1 mit einem Referat der Kunsthistorikerin Susanne Rupprecht über die Krippensammlung im Bayrischen Nationalmuseum München.

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