Schicksalen vergessener NS-Opfer auf der Spur

Schicksalen vergessener NS-Opfer auf der Spur
Die alternative Zeitung „Knipperdolling“ dokumentierte 1976 die homosexuelle Emanzipationsbewegung in Münster. Foto: Stadt Münster/Geschichtsort Villa ten Hompel, Depositum 404 Rose.

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Stadtarchiv, Amt für Gleichstellung und Villa ten Hompel entwickeln Forschungsprojekt / Weiterer Schwerpunkt liegt auf Gedenken und Erinnerungskultur

Münster (SMS) Mitte März hatte der Rat der Stadt Münster einstimmig beschlossen, dass der verfolgten Homosexuellen und der weiteren vergessenen Opfergruppen der NS-Zeit gedacht wird. Damit werden diejenigen Münsteranerinnen und Münsteraner gewürdigt, die während der nationalsozialistischen Terrorherrschaft als Lesben und Schwule, als Sinti und Roma, als Zeugen Jehovas, Deserteure oder als so genannte „Euthanasie“-Opfer und „Asoziale“ verfolgt und ermordet worden sind. Grundlage waren ein Antrag der Ratsgruppe Piraten/ÖDP aus dem Jahr 2018 und eine Anregung des Vereins „Spuren finden“.

Und es wird noch mehr geschehen: Seit Sommer 2020 hatte sich eine Arbeitsgruppe aus Mitarbeitenden des Amtes für Gleichstellung, des Stadtarchivs und des Geschichtsorts Villa ten Hompel getroffen, um ein Konzept für die Erforschung der Schicksale dieser Verfolgten zu erarbeiten. Sie entwickelte auch Ideen für das Gedenken und weitere erinnerungskulturelle Formate, an denen sich auch die Stadtgesellschaft beteiligen kann. „Wir freuen uns sehr, dass sich der Rat dazu entschlossen hat, bisher kaum beachtete Verfolgtenschicksale zu würdigen. Wir werden die dafür notwendigen Forschungen zur Stadtgeschichte mit Rat und Tat unterstützen“, sagt Peter Worm, Leiter des Stadtarchivs, bei dem das Forschungsprojekt angesiedelt wird. Auf Antrag eines breiten Bündnisses der Fraktionen von Grünen, SPD, Volt, CDU, FDP, Linken und der Ratsgruppe Die Partei/ÖDP wurden dafür entsprechende Finanzmittel beschlossen.

„Lange wurde in der jungen Bundesrepublik geschwiegen über die Verfolgung diskriminierter Gruppen, und für schwule Männer war die Verfolgung 1945 nicht zu Ende“, so Markus Chmielorz, der für das Amt für Gleichstellung an der Beschlussvorlage der Verwaltung mitgearbeitet hat. Forschung zur strafrechtlichen Belangung homosexueller Münsteraner in der jungen Bundesrepublik ist ein Teil des Projektes. Ebenfalls untersucht wird, wie in Münster lebende Sinti und Roma, Zeugen Jehovas, „Euthanasie“-Opfer, Deserteure und weitere „vergessene “ Opfergruppen während der Nachkriegsjahrzehnte benachteiligt, stigmatisiert und diskriminiert wurden. „Uns ist es wichtig, dass auch die Emanzipationsbewegungen ab den 1970er-Jahren in den Blick genommen werden“, sagt Sarah Braun, Leiterin des Amtes für Gleichstellung.

Zunächst wird das Projektteam unter Federführung des Stadtarchivs nach neuen, zuverlässigen Erkenntnissen zur Verfolgung homosexueller Münsteranerinnen und Münsteraner und weiterer Opfergruppen während der NS-Zeit forschen. In kommunalen und staatlichen Archiven in der Region, aber auch bundesweit, startet die Suche nach den Spuren ihrer Schicksale. Auf diese Untersuchungen folgen Formate des Gedenkens und Erinnerns, die der Geschichtsort Villa ten Hompel und das Amt für Gleichstellung gemeinsam entwickeln. „Für uns ist das ein wichtiger Beitrag der Demokratiebildung für die gesamte Stadtgesellschaft“, so Christoph Spieker, Leiter der Villa ten Hompel. Starten wird das Projekt im Spätsommer 2021, erste Ergebnisse werden nach einem Jahr vorliegen.

Foto: Die alternative Zeitung „Knipperdolling“ dokumentierte 1976 die homosexuelle Emanzipationsbewegung in Münster. Foto: Stadt Münster/Geschichtsort Villa ten Hompel, Depositum 404 Rose. 

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