Schausteller-Leben auf dem Send in Münster: Wilfried Altrogge erzählt

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Boten tiefen Einblick in Werden und heutige Praxis der Send-Schausteller: Wilfried Altrogge und Heinz-Willi Kehren vor der Heitmann-Konzertorgel von anno 1904. Foto: A. Hasenkamp, Fotograf in Münster.

Münster-Wolbeck. Muntere Musik klingt aus der wohnwagengroßen Konzertorgel auf dem Parkplatz der Haltestelle Sültemeyer. Kindergarten-Kinder nutzen die Klänge ausgiebig, Ältere lauschen, eine junge Frau steht mit strahlendem Gesicht an der Ecke des benachbarten Kreativzentrums und filmt mit dem Smartphone.

Das große Gefährt entstand 1904 im Breisgau. Fritz Heitmann hat es nach Wolbeck geschickt, ein Schausteller einer der Familien-“Dynastien“ des Send, mitgekommmen ist der Münsteraner Wilfried Altrogge, Schausteller in vierter Generation, „über 100 Jahre auf dem Send“.

Send: Synode und freier Handel

Zuerst durchleuchtet Heinz-Willi Kehren am Donnerstag im AWO-Treff in der Neustraße 2 mit knapp 20 Gästen der AWO Werden und Wesen des Sends.  „Freimarkt ist der Ausdruck für freien Handel –  das hat ganz viel mit unserem Send  zu tun.“ Auch mit „dem frommen Begriff Synode“, der großten Ratsversammlung des Bischofs. Dort wurde auch Recht gesprochen. Die vielen Gäste suchten Belustigung – die gab es auf dem Send. Aber auch Waren, etwa einen Töpfermarkt. Kehren hat auch dazu ein Foto parat.

Aus einem Schausteller-Leben

Die Geschichte begann im 8. Jahrhundert: „Der Send ist älter als die Stadtrechte Münsters“. Altrogge zieht 30-mal im Jahr um. Seit jahrzehnten mit  einem 18-Tonnen-Schausteller-Wagen, der aufgebaut 5 Meter breit und 18 Meter  lang ist. Schausteller-Kinder haben es  nicht leicht; seine   Söhne haben beide Abitur. Aber gesehen habe er sie „genau viermal. im Jahr“. 1971, „mit 21“, meldete er sein Gewerbe an.

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Gemeinschaft der Schausteller

Etwas Besonderes hat die Gemeinschaft der Schausteller. „Wir sind alle Konkurrenten, aber wir sind unheimlich hilfsbereit, alle.“ Horst-Herbert Camen, seit 40 Jahren dem Gewerbe verbunden, hat die Geschichte von der in München ausgefallenen Zugmaschine parat: Ein Kollege setzte von Münster aus seine eigene ein, um den Konkurrenten nach Münster zu ziehen: „Die Hilfsbereitschaft der Schausteller ist sagenhaft, sagenhaft“, resümiert Camen. „Man kann noch so viel Streit haben“, sagt Altrogge, „wenn der ’nen Plattfuß hat, fährt man nicht vorbei.“ Für das Zuteilen der Standplätze gibt es den Marktleiter – untereinander würde man sich nicht einig werden, da gehe es zu sehr um beste Plätze und Verdienst-Chancen.

„Windmühle“ stammt von Luigi Colani

Altrogge betreibt ein Kinderkarussel und zwei Spezialitäten-Imbisse – einer ist die „Windmühle“, Luigi Colani schuf sie Anfang der 80er Jahre. „Unser Publikum ist uns treu“, sagt Altrogge, aber wo es früher  zwei Groß-Veranstaltungen gab in einem Jahr, sind es heute etwa drei pro Woche.

Kosten drücken die Schausteller

Viele Attraktionen von einst spielen nicht mehr die Kosten ein. Reparaturen sind teuer – auch, weil es immer weniger Spezialisten gibt. Deftig gestiegen sind die Standkosten, für Strom zahlen die Schausteller ein Vielfaches der normalen Verbraucherpreise. Und das liege nicht nur an der Notwendigkeit, jede Woche einen neuen Anschluss einzurichten. Die Wildwasserbahn habe etwa drei Millionen gekostet, das müsse man erst einmal abbezahlen – „in dreißig Jahren, wenn er Glück hat“.  „Es wird nicht mehr so viel Neues geben, weil es nicht zu bezahlen ist.“ Einige der AWO-Gäste vermissen traditionelle Angebote. In Soest habe man mal einen Nostalgie-Markt organisiert – „es war ein Flop“, sagt Altrogge.

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Konzertorgel arbeitet mit Lochkarten

Lochkarten sorgen für den Wohlklang der Konzertorgel – das Repertoire ist reich. Foto: Foto: A. Hasenkamp, Fotograf in Münster.
Lochkarten sorgen für den Wohlklang der Konzertorgel – das Repertoire ist reich. Foto: Foto: A. Hasenkamp, Fotograf in Münster.

Nach dem Vortrag stehen Neugierige vor der Konzertorgel, die in wechselnden Farben leuchtet. Drinnen faltet sich Seite um Seite Lochpapier auf den fast meterhohen Stapel; das Ende naht. 20 Minuten wiegen etwa 10 Kilogramm, sagt der Mitarbeiter und räumt die solide grüne Kiste in eine Ecke. Kasten IX bietet „Die Bosniacker kommen“, „Hochzeit der Winde“, „Valenzia-Marsch“ und „Berlin bleibt Berlin“, steht auf den bejahrten Zetteln zum Programm der Konzertorgel Fritz Heitmann + Sohn. Nächste Station: Winterpause in Hiltrup.

Lochkarten sorgen für den Wohlklang der Konzertorgel – das Repertoire ist reich. Foto: Foto: A. Hasenkamp, Fotograf in Münster.
Lochkarten sorgen für den Wohlklang der Konzertorgel – das Repertoire ist reich. Foto: Foto: A. Hasenkamp, Fotograf in Münster.

Zur Geisterbahn

„Die haben sich was einfallen lassen – die haben jetzt lebende Geister“ (Wilfried Altrogge)

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