Rhetorik-Analyse der Kanzlerkandidaten im Wahl-Triell

Teilen heißt kümmern!

Ortwin Lämke und Annette Lepschy, Experten für Redekunst, beurteilen TV-Triell kurz vor der Bundestagswahl

In weniger als vier Wochen entscheiden die deutschen Wählerinnen und Wähler über den 20. Deutschen Bundestag und damit auch über die Frage, wer Nachfolger von Kanzlerin Angela Merkel wird. Das „Centrum für Rhetorik, Kommunikation und Theaterpraxis“ (CfR) der Westfälischen Wilhelms-Universität (WWU) Münster nimmt die heiße Wahlkampfphase zum Anlass, die Interviews und Reden der Spitzenkandidaten wissenschaftlich zu untersuchen. Wer gibt die qualitativ besten Antworten? Wer strahlt Souveränität, Nervosität, Selbstsicherheit oder Überheblichkeit aus? Dr. Ortwin Lämke und Dr. Annette Lepschy vom CfR haben das RTL/ntv Wahl-Triell (29. August) von Annalena Baerbock (Bündnis 90/Die Grünen), Armin Laschet (CDU/CSU) und Olaf Scholz (SPD) analysiert:

„Dieses neue Format hat aus unserer Sicht eine gelungene Premiere erlebt. Die Gesprächsführung durch Pinar Atalay und Peter Kloeppel war souverän und fair, dabei mit unterschiedlichen Elementen durchaus abwechslungsreich gestaltet (Ja-Nein-Fragen, Schluss-Statement, kritische Nachfragen, ohne sich selbst in den Mittelpunkt zu spielen). Vor allem aber wurde die Diskussion thematisch strukturiert, und es blieb Zeit, gegensätzliche Standpunkte zu vertiefen.

Vom Ende der Debatte her betrachtet, haben die drei Kandidaten folgende Kernbotschaften vermittelt, die ihnen wichtig waren: Annalena Baerbock stellte das Thema ‚Aufbruch und Neubeginn‘ in den Mittelpunkt. Armin Laschet will ‚Stabilität sichern‘. Olaf Scholz spricht von ‚Respekt‘, allgemein bezogen auf den Umgang aller in der Gesellschaft miteinander und zum Beispiel auf Niedrigverdiener im Besonderen.

Annalena Baerbock wirkte inhaltlich gut vorbereitet, unaufgeregt und zugleich engagiert. Sie konnte mehrfach Sachargumente anschaulich darstellen und so überzeugen. Warum erhalten Kinder, deren Eltern Hartz IV beziehen, keine Kindergrundsicherung? Sie würden in diese Situation hineingeboren und erlitten dadurch Nachteile, das solle der Staat ausgleichen. Armin Laschet argumentierte, man müsse dafür sorgen, dass die Eltern aus Hartz IV herauskämen, dann ginge es auch den Kindern besser. Annalena Baerbock hielt dagegen, dass mit Blick auf die vergangenen 16 Jahre dies offensichtlich nicht funktioniere. Der Plan der CDU/CSU, die Kinderfreibeträge im Steuerrecht anzuheben, bringe der alleinerziehenden Mutter nichts ein, weile sie keine Steuern zahlt, stattdessen würden Besserverdienende begünstigt. Annalena Baerbock nannte mehrfach Zahlen, auch beim sogenannten ‚Energiegeld‘, das die Grünen zur Finanzierung klimapolitischer Maßnahmen als sozialen Ausgleich pro Kopf der Bevölkerung einführen wollen. Hier sah Armin Laschet, wie an anderen Stellen der Debatte, Verwaltungsschwierigkeiten, also Probleme, die die Politik eigentlich lösen sollte. Die Kanzlerkandidatin der Grünen griff beide politischen Gegner zugleich an, zum Beispiel beim Thema Afghanistan oder Klimaschutz – ihre Lebendigkeit und Anschaulichkeit in der Argumentation unterstrichen ihr Versprechen eines ‚Aufbruchs‘.

Armin Laschet hat im Großen und Ganzen das getan, was er in den Augen seiner Partei vermutlich tun sollte, er hat ‚geliefert‘. Er zeigte sich nonverbal wie verbal angriffslustig. Auffällig war zum Beispiel, dass sein sonst so allgegenwärtiges Lächeln einem ernsten, oftmals skeptisch wirkenden Gesichtsausdruck gewichen war. Er hielt Olaf Scholz das ,ungeklärte Verhältnis‘ der SPD zur Partei ‚Die Linke‘ vor, warnte vor einer rot-rot-grünen Koalition und vor Steuererhöhungen, die Arbeitsplätze kosten und zur Abwanderung von Unternehmen führen würden. Dabei bezog er sich auf Prognosen. Auch sicherheitspolitisch versuchte er zu punkten und forderte mehr Videoüberwachung in Städten. Armin Laschet bediente damit vor allem die klassische Klientel der CDU, eine Öffnung in Richtung jüngerer Wähler und ihrer Themen wurde für uns nicht hörbar. Mit Blick auf die aktuelle Situation in Afghanistan sprach er von einem ‚Desaster‘. Da gerade das Ende einer Rede und auch einer solchen Sendung hohe Aufmerksamkeit erhält, war sein Schluss-Statement aus rhetorischer Sicht nicht sehr geschickt: Er sprach den Gegenwind an, in dem er stehe. Er machte also die schwachen Umfragewerte für sich zum Schlussthema, noch dazu mit Bezug auf etwas Freundliches, das Annalena Baerbock in diesem Zusammenhang über ihn gesagt hatte. Er stellte sich in die Reihe der CDU-Bundeskanzler Konrad Adenauer, Helmut Kohl und von Bundeskanzlerin Angela Merkel mit dem Ziel: ‚Stabilität sichern‘.

Olaf Scholz legte genau das Verhalten an den Tag, das von ihm zu erwarten war. Sachlichkeit und Ruhe ausstrahlend, mit dem Wissen aktuell positiver Umfragen gab er sich als erfahrenes Regierungsmitglied, das viele Probleme gelöst habe. Beispiel: ‚Herr Seehofer und ich haben die Bundespolizei massiv ausgebaut‘. Damit signalisierte er wieder einmal: Ich arbeite an der Sache, mir geht es nicht um Parteipolitik. Er lege auf solide Finanzen Wert (auf die Frage nach einer Mehrwertsteuererhöhung: ‚dreimal unterstrichen: Nein‘), er leistete sich keine persönlichen Angriffe auf den Gegner. Olaf Scholz nannte Zahlen und erklärte Armin Laschet zum Beispiel den Stand des Gesetzgebungsverfahrens bei der Videoüberwachung, um ihm den Wind aus den Segeln zu nehmen. Dadurch, dass Annalena Baerbock und Armin Laschet engagiert und auch in Mimik und Gestik lebendig sprachen, wirkte Olaf Scholz im Vergleich zu den beiden anderen Kandidaten eher zurückhaltend, bisweilen langweilig. Obwohl er sich wie Armin Laschet beim Schluss-Statement an seinem Rednerpult festhielt, während Annalena Baerbock vor das Pult trat und frei vor der Kamera stand, geriet ihm dieses unserer Meinung nach besser als Armin Laschet. Er sprach deutlich seinen Wunsch aus‚ nächster Bundeskanzler werden zu wollen und sicherte den Wählern zu, sich in ihren Dienst zu stellen (‚Sie haben die Wahl‘). Damit inszenierte er sich als Staatsdiener und gab den Bürgern symbolisch das Heft des Handels in die Hand. Beides passte zu seinem Grundmotiv vom ‚Respekt‘.“