Professionelles Schauspiel auf der Tenne: TheaterTotal inszenierte Goldoni im Hoftheater Watermann

Sendenhorst. Das minimalistisch-professionelle Bühnenbild in der ausgeräumten Scheune des Hofes Watermann bei Sendenhorst entrückte am Samstagabend die Gäste ebenso in das Fischerdorf des 17. Jahrhunderts wie die musikalischen Einlagen von Julia Richters Violine und Tina Werzingers Gitarre.

Gewiss, Autor Goldoni hat mit „Viel Lärm in Chiozza“ eine brillante Vorlage geliefert. Aber auch eine gewagte Herausforderung für das Projekt des TheaterTotal aus Bochum und seine 25 Jugendlichen: Rasant, reich an Überraschungen, mit einer Fülle von individuell auszufüllenden Charakteren.

Die großen Rollen, es sind viele, sind beim TheaterTotal alle mehrfach besetzt – aber hier spielt, wer gerade nicht die große Rolle hat, die kleine. Kein Ausruhen also. Zumal die „kleinen Rollen“ formidabel anspruchsvoll ausgeformt sind. Wem die Rasanz der Darbietung noch einen Blick auf die Nebenschauplätze erlaubte, der sah auch hier detailreich ausgefülltes Schauspiel, perfekt abgestimmt. Aktion, ausdrucksstarke Gestik und Mimik – beim TheaterTotal gibt es keine Sekunde Platz für Statisten, hier spielt ein Ensemble.

Hinter dieser Leistung steckt ein konsequent durchgesetzter „roter Faden“, die Regie von Barbara Wollrath-Kramer. Und „unheimlich viel Eigenleistung“, wie die Regisseurin anerkennt: „Das sind die Leute, die dran bleiben, die anderthalb Tage lang aufbauen, um anderthalb Stunden zu spielen.“ Ein Engagement und Fähigkeiten, die nicht vom Himmel fallen. Mende zum Beispiel spielt Theater seit der Grundschule, bis hin zum „Sommernachtstraum“ in der Oberstufe. Dazu kam eine umfangreiche Ausbildung in Bochum. Die Jugendlichen kommen aus ganz Deutschland, einige wollen beruflich auf die Bühne, andere Veranstaltungsmanager oder –kaufleute werden. Wie viel Liebe zum Detail einfloss, mag dieser Hinweis zeigen: Sie haben sogar einen Klöppelkurs absolviert.

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Das Lob des Publikums war groß. Kleine Abstriche gegenüber Vollprofis muss man da und dort machen, wesentlich sind sie nicht. Das Niveau dieses Ensembles ist durchgehend hoch, sehr hoch. Umso beeindruckender, wenn eine Schauspielerin nachher selbstkritisch anmerkt, beim Timing sei noch Verbesserung möglich.

Früchte eines „Power-Jahres“, so die Münsteranerin Tashina Mende, die an diesem Abend die kokett-berechnende Checca spielte. Ihr nicht unähnlich Jakob Krüger als Toffolo, ein Bruder Leichtfuß, der mit seiner Anzeige bei der Obrigkeit den Fischer-Streit neuen Spitzen zutreibt. Dass die Neigungen der liebenswerten Furien nicht vom Alter abhängen, zeigt grandios Jennifer Leser als Donna Pasqua. Dem stehen die eifersüchtelnden Männer nicht nach. Ein Höchstmaß an Gefühlswallungen wird  Moritz Mundorf und Tina Werzinger  als zerstrittenem Liebespaar abverlangt.

Wo anfänglich die Amtsgewalt mit ihrem korrupten Büttel – glänzend unsympathisch vertreten von Jonas Stein – die Wogen der starken Gefühle zu brechen droht, geht sie als Heiratsvermittler schließlich in deren Brechern unter. Lacher und Respekt für eine konsequente, authentische Darstellung des zahnstocher-kauenden, unverständlich nuschelnden Fischers Paron Fortunato erntete Lorenz Beierlein. Er und seine Frau, Susanne Lemke, mal giftspritzend und mal versöhnend, treiben den Obrigkeitsvertreter der Verzweiflung entgegen. Christoph Türkay gibt einen Isidoro von venezianischer Grandezza.

Dieses Ensemble bot totales Theater auf beeindruckendem Niveau. Bravo bravissimo!

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Die Augen der Widersacherin Checca (Tashina Mende, l.) verraten es: Hinter Luciettas (Tina Werzinger) Verzweiflung bahnt sich die nächste Überraschung an.

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