„Münsteraner fuhren über 40 Prozent weniger Rad“

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Verkehrswissenschaftler Jan Wessel untersucht Wirkungen der Corona-Pandemie auf Radverkehr

Erstmals seit 20 Jahren wurden im Jahr 2020 wieder über fünf Millionen Fahrräder verkauft. Das liegt auch an der Coronapandemie. Anlässlich des Weltfahrradtages am 3. Juni sprach Jana Haack mit Verkehrswissenschaftler Dr. Jan Wessel von der Westfälischen Wilhelms-Universität (WWU) Münster über die Auswirkungen der Coronapandemie auf den Radverkehr, die Voraussetzungen für einen hohen Fahrradanteil in Städten und das neue Leezenflow-System in Münster.

Der Fahrradmarkt boomt. Führt die Coronapandemie jetzt überall zu mehr Radverkehr in den Städten?
Das kommt auf die Stadt an. In einer Studie zum Einfluss der Coronapandemie und den zugehörigen Regierungsmaßnahmen auf Fahrradfahrer und Fußgänger haben meine Kollegen Alessa Möllers, Sebastian Specht und ich sowohl positive als auch negative Effekte auf den Radverkehr entdeckt. Wir haben automatische Fahrradzählstellen, wie sie in Münster am Neutor oder an der Hammer Straße stehen, ausgewertet und konnten zeigen, dass während der ersten Welle der Pandemie besonders in größeren Städten wie Düsseldorf, Bonn und Berlin deutlich mehr Menschen mit dem Rad unterwegs waren als vor der Pandemie. In Städten, in denen der Radverkehr angestiegen ist, werden normalerweise verhältnismäßig wenige Wege mit dem Fahrrad zurückgelegt.

Warum zieht es aktuell so viele Menschen aufs Rad?
Gründe für den Anstieg der Fahrradfahrer in diesen Städten können die Entdeckung des Fahrrads für sportliche Aktivitäten während der Schließung von Fitnessstudios und Sportvereinen oder sogenannte Pop-up-Radwege sein. Sie wurden in einigen dieser Städte während der Pandemie errichtet, und Studien zeigen, dass sie einen positiven Einfluss auf den Radverkehr haben. Außerdem haben all diese Städte ein großes S- oder U-Bahnnetz. Die erhöhte Ansteckungsgefahr in Bussen und Bahnen kann ebenfalls einen Wechsel zum Fahrrad hervorrufen.

Auf Münster trifft zumindest der letzte Punkt nicht zu …
Interessanterweise ist in den klassischen Fahrrad- und Universitätsstädten wie Münster, Freiburg und Heidelberg das Fahrradaufkommen während der ersten Welle der Covid-19-Pandemie bereits ohne die Maßnahmen zur Eindämmung stark gesunken. Geschäftsschließungen und/oder Kontaktbeschränkungen haben diesen Rückgang verstärkt, sodass die Münsteraner in dieser Zeit über 40 Prozent weniger Rad fuhren. Möglicherweise liegt das daran, dass die Wege zur Arbeit oder zur Uni in dieser Zeit wegfielen. Zudem waren viele Studierende während der ersten Welle bereits in der Heimat bei ihren Eltern.

Erlauben die Ergebnisse Aussagen über die Entwicklung des Radverkehrs nach der Pandemie?Nein, noch nicht. Es wird interessant sein, zu sehen, ob in den Städten, in denen das Fahrrad an Bedeutung gewonnen hat, die Lust am Fahrradfahren auch über die Pandemie hinaus bestehen bleibt. Generell scheinen die Menschen laut aktueller Umfragen ihre neuen Corona-Gewohnheiten, wie etwa das Spazierengehen, auch nach der Pandemie beibehalten zu wollen. Das gilt hoffentlich auch für das Radfahren. Ich gehe davon aus, dass Fahrradstädte wie Münster und Freiburg zu alten Zahlen zurückkehren, wenn sich das Leben wieder normalisiert.

Welche Voraussetzungen müssen in Städten herrschen, damit dort viele Menschen ihre Wege mit dem Fahrrad zurücklegen?
In den mittelgroßen Städten Oldenburg, Münster oder Freiburg sind beispielsweise die Entfernungen oft nicht zu weit, sodass man die meisten Wege gut mit dem Fahrrad zurücklegen kann. Zudem führt ein höherer Anteil junger Menschen, vor allem Studierender, zu mehr Radverkehr. Neben geografischen und demografischen Faktoren kann aber auch die Politik beeinflussen, wie häufig Menschen ihre Wege per Rad zurücklegen. Eine klare Ausrichtung der Stadtplanung und Verkehrsinfrastruktur auf das Fahrrad ist sicher förderlich. So kann zum Beispiel ein dichtes Radwegenetz mit breiten und intakten Radwegen, die baulich vom Autoverkehr getrennt sind, den Komfort und die Sicherheit auf dem Fahrrad steigern.

Seit dem 17. Mai bemüht sich auch Münster mit dem „Leezenflow-Projekt“ um einen verbesserten Radverkehrsfluss und mehr Verkehrssicherheit. Was hat es damit auf sich?
Das Leezenflow-System ist ein Grüne-Welle-Assistent für das Fahrrad, das zu einem besseren Verkehrsfluss, mehr Komfort und mehr Verkehrssicherheit führen soll. Eine digitale Anzeige einige Meter vor der Ampelanlage am Hörstertor zeigt an, wie lange die aktuelle Ampelphase andauert. Vorbeifahrende Radfahrer können durch diese Information ihre Geschwindigkeit so anpassen, dass sie an der Ampel vorbeifahren können, ohne anhalten zu müssen. Am Institut für Verkehrswissenschaft führen wir im Auftrag der Stadt Münster Verkehrsmessungen und eine Online-Umfrage durch, um zu untersuchen, wie sich die Anzeige auf den Verkehrsfluss, die Verkehrssicherheit und die Zufriedenheit der Radfahrer auswirkt. Die Ergebnisse, die wir in einem Abschlussbericht veröffentlichen werden, werden zeigen, ob das System auch an weiteren Standorten in Münster installiert werden sollte.

Bis zum 12. Juni können Radfahrer aus Münster noch an der Online-Umfrage zum Leezenflow-System teilnehmen. Über den vor Ort angeschlagenen QR-Code oder die Internetseite https://smartcity.ms/leezenflow/ können die Teilnehmer Feedback und Verbesserungsvorschläge einreichen. Außerdem können sie angeben, an welchen Standorten in Münster ebenfalls ein Leezenflow-System installiert werden sollte.