Mit Blindenführhund in anderes Leben: Blinder berichtet über Möglichkeiten

Mit Blindenführhund in anderes Leben: Blinder berichtet über Möglichkeiten 3
Hinweis auf dem Blindenführhund-Führbügel: "Nicht streicheln, ich arbeite! Blindenführhund."

Münster-Angelmodde. Es bimmelt, Romeo reckt sich hoch: „Ferma“ sagt Karl Pudlich, „steh“. Gleich will er den 26 Gästen der Seniorengemeinschaft St. Bernhard zeigen, wie gut er und sein Blindenführhund ihren Weg zwischen den Tischen im Pfarrheim finden. Pudlich berichtete am Dienstag von seinem Leben. Sein Tenor ist der, den seine Frau Ulrike so fasst: „Das Leben hört nicht auf, es geht weiter, nur anders.“

Langstock reichte nicht für Schnelligkeit und Orientierung

Mit 50 verschlimmerte sich sein Glaukom, er wurde rasch blind, verlor seine Arbeit.  “Ich kann nicht zuhause sitzen und nichts tun”. Pudlich absolvierte ein Mobilitätstraining, erlernte den Umgang mit dem Langstock, um sich zu orientieren, Unebenheiten zu erkennen, Einfahrten zu hören. “Ich war relativ langsam damit, mir fehlte die Orientierung.” Eingeübte, bekannte Strecken waren ihm so möglich.

Sein Hund, ein Labrador, begleitete ihn. Er war hilfreich, aber kein ausgebildeter Blindenführhund.

Viel Training für Blindenführhund und Herrchen

Pudlich wollte bessere Orientierung und auch schneller sein. Das ging nur mit einem Blindenführhund. Das Ehepaar machte sich auf die Suche, am Bodensee wurde es fündig. Eine Verhaltensbiologin sucht dort geeignete Hunde aus, trainiert sie. Für den hochgewachsenenn Pudlich, 1,90 Meter groß, kam nur ein größerer Hund in Frage. “Sonst kann ich die Bewegung des Hundes nicht exakt spüren”. Nach vielen Trainings und Tests mit Pudlich wurde es Romeo, der heute sechsjährige Retcol, eine Mischung aus Golden Retriever und Border-Collie. 400 Stunden hat Romeo trainiert, seinen Menschen zu führen, durch Verkehr, Wald und Gebäude. Trainiert hat auch Pudlich selbst. Er müsse schneller werden, sagte ihm die Hunde-Trainerin sofort. Er ging ein halbes Jahr in ein Fitness-Studio. Dann waren beide soweit: Da sei Romeo auf seinen Schoß gesprungen und habe den Kopf auf seine Schulter gelegt; “als ob er sagen wollte: Auf dich habe ich gewartet.” Die beiden sind ein Erfolg: “Ich kann im Grunde alles machen, was ich will.”
Die Kommandos gibt Pudlich auf Italienisch. Nicht nur des sanfteren Klangs des Italienischen, sondern weil sonst einige Normalsehende irritiert sind, sich womöglich angesprochen fühlen. “Such Aufzug” klingt seltsam.

Kommandos für den Blindenführhund auf Italienische

Sagt Pudlich “Fuori porta”, führt ihn Romeo zur Ausgangstür. Für das Suchen der Eingangstür gibt es wieder ein anderes Kommando. Romeo informiert seinen Herrn über vieles, etwa, ob an der Treppe ein Handlauf ist.  Jedes Jahr gibt es für ihn und Romeo eine Nachschulung, “damit man nichts schludern lässt”, sagt Pudlich.
Gern ist Pudlich in der Natur unterwegs. Wenn er “Libera” sagt, kann Romeo frei laufen. “Dann geht er ab wie eine Rakete”, sagt seine Frau.
Das Ehepaar ist viel unterwegs, informiert in Altenheimen und Kindergärten. In Warendorf und Beckum beraten sie ehrenamtlich in zertifizierten Beratungsstellen für Blinde und Sehbehinderte. Solche Anlaufstellen gibt es auch in Münster, demnächst eine in Hiltrup, so Pudlich.

Besonderheiten bei der Beratung für Blinde

Sehbehinderte “öffnen sich nicht so leicht”. “Das ist nicht nur Beratung, das ist zunächst einmal Zuhören”, sagt Ulrike Pudlich. Gegen die Vereinsamung helfe, wenn sie aktiv werden, ihr Umgebung informieren. “Man muss ihnen mitteilen, danss sie auf andere zugehen müssen.” “Die meisten Leute haben mehr Verständnis, als Sie sich vorstellen können”.

“Du muss blindes Vertrauen in den Hund haben – das hört sich für einen Blinden blöd an, es ist aber so.” Karl Pudlich.

“Der Hund bewahrt mich sehr oft vor Zusammenstößen”. Karl Pudlich.

http://www.bg.bsvw.org

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