Gregor Bohnensack schafft durch Vernichten Erinnerung im Spielzimmer des „SpecOps“

Münster. Um das Konservieren ging es dem Künstler, „zu sorgen, dass es bleibt, zugänglich bleibt“. Zwei kleine alte Holztische, gerade groß genug für je eine Kombination von Radio und Kassettenrecorder, dazwischen sitzt Gregor Bohnensack, ein Jagdhorn vor der Brust. Einige CD-Hüllen liegen auf dem Boden, auch Kassetten und ein roter Kunststoffschlauch, einen Meter lang, ein Ring mit Ziegenhufen. Das und ein quietschbunter Kinder-Kassettenrecorder sind seine Instrumente und Requisiten im „Spielzimmer“ im Spec Ops an der Von-Vincke-Straße. Der bullige Mann freut sich, dass sich am Abend des Karfreitag der schlauchartige Raum mit zwölf Gästen füllt. Damit ist er fast voll.

Klangfrisches angemischt aus Ton-Konserven und Jagdhorn

Hinten im Raum beginnt Bohnensack, unsichtbar, schwingt den Schlauch – mit Feingefühl für das Tempo schafft er aus dem Banalen Musik. Er bringt die Recorder ins Spiel: Religiöser Sprechgesang aus einer feierlichen Messe läuft parallel – mal das eine, mal das andere lauter – zum Radiokommentar historischer Fußballspiele: „Eli, eli“ und der Judenkönig, „Rahn, Fritz Walter – Tor, Tor!“. Zwei Messen von zweierlei Art, mit je eigener Art von Ekstase. Die eigene zeigt der Künstler am Jagdhorn, saugt und pustet auf vielerlei Art, ein Lippenkünstler, der dazu Geräusche live aus dem Radio einspielt, mit ordentlich Variation durch Frequenzwechsel.
Bohnensack nimmt CD-Hüllen und Kassetten, putzt sie emsig mit einer Spülbürste, um sie dann Zuschauern in die Hand zu drücken. Bewahren durch Verteilen?
Aufgezeichnet und somit konserviert hat Bohnensack die Klänge nicht. Das würde ja auch nicht das Ganze wiedergeben. Es würde fehlen: wie Bohnensack den Schlauch über die Antenne des Radios stülpt, das andere Ende in sein Jagdhorn steckt, das Horn bebläst, aussaugt – geht da die Konserve in der Live-Musik hinein, oder lädt er die Konserve mit dem frisch Geblasenem auf?
Nicht hören kann man, wie der Experimentator das Tonband mit  „Preußens Gloria“ aus der Kassette zieht, es an der Radio-Antenne festmacht, dann quer durch den Raum damit zieht, im Hintergrund – so hört es sich an – der Kassette energisch und im Detail den Rest gibt, mit dem Tonband wieder nach vorne zieht, ein Stück um den Schuh eines Mannes in der ersten Reihe wickelt. Ende einer Konserve – die mit diesem dramatisch inszenierten Ende in das Gedächtnis vieler eingeht. Ende einer Dreiviertelstunde.
Am 18.05. präsentiert der Autor, Performer und Rezitator Bohnensack mit einem Partner „Verbrennt mich“, eine musikalische Lesung zu Oskar Maria Graf, im Spielzimmer des SpecOps, der Kreuzung aus Café, Bar und Buchhandlung, das eine  Experimental-Bühne konserviert.
http://www.spec-ops.de

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