Fundierte Streitkultur: Deutsche Debattiermeisterschaft lädt zum Finale am Aasee ein

Seine blonden Locken liegen kraus übereinander, seine Wangen röten sich, doch seine Stimme klingt klar, seine Worte geschliffen, auch wenn Adrenalin pur durch seinen Körper strömt. Philipp Stiel steht im Finale der "10. Deutschen Debattiermeisterschaft", die in Münster in Kooperation von der Wochenzeitung "DIE ZEIT", dem ZDF und der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (WWU) ausgetragen wird.

 Der Tübinger Volkswirtschaftsstudent erläutert bei 28 Grad Außentemperatur vor 200 Zuhörern in der Aula an der Scharnhorststraße, warum Militäreinsätze zugunsten von wirtschaftlichen Interessen erlaubt sein sollten.

Leise Töne, drastische Vergleiche

Von Donnerstag bis zum Finale am Sonntag, 6. Juni, war Philipp nicht allein. 180 Studierende aus Norditalien, Österreich, der Schweiz und Deutschland ließen Sommerhitze Sommerhitze sein und munter ihre Köpfe glühen. Sie duellierten sich mit Worten zu aktuellen Themen. Einfach drauflosplappern ist tabu. Die Reden folgen den Regeln der offenen parlamentarischen Debatte. Geschliffene Rhetorik und geistvolle Argumentation bestimmen die Szenerie. Die einen vertreten die Pro-Position der Regierung, die anderen geben als Opposition Kontra. Jeder hat sieben Minuten Redezeit. Nicht die eigene Meinung ist gefragt, sondern wie überzeugend die Redner ihre Rolle ausfüllen, die ihnen das Losglück beschert hat.

Im Finale stehen schließlich vier Teams. Zwei aus Berlin, eines aus Jena und das Tübinger Team "Streitkultur" mit Peter Croonenbroeck (25) und Philipp Stiel (24). Die Redner gehen der Frage nach, ob ein Krieg gerecht sein muss oder gerechtfertigt sein muss. Manche kämpfen mit schweren Säbeln, manche mit leichtem Florett. Der Berliner Theologie-Doktorand Patrick Ehmann vermittelt die Linie der Regierung: "Wenn das Bündnis internationalen Handels gefährdet ist, muss es wieder gesichert werden – notfalls militärisch."

Jura-Student Filip Bubenheimer aus Berlin tritt als Vertreter der Opposition auf. Er gestikuliert so stark mit seinem Armen, das ihm sein weißes Oberhemd aus der Hose rutscht. Philipp Stiel folgt als nächster Redner, als Vertreter der Regierung. Er reagiert direkt auf seinen Vorredner: "Ja, Filip, Krieg ist nicht gerecht. Aber wir erklären den Krieg, um Ressourcen zu sichern, um uns aufzuopfern im Bündnisfall." Auf den stichhaltigen Einwand der Berliner Studentin Dessislava Kirova, dass wirtschaftliche Interessen zu allmächtig würden, pariert Stiel blitzschnell: "Ja, aber alle Autos fahren dummerweise immer noch mit Benzin." Der starke Zwischenapplaus zeigt: Stiel trifft Volkes Seele.

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Im grauen Anzug agiert Moritz Niehaus aus Jena als Wolf im Schafspelz. Er kritisiert fundiert, dass zu vorschnell nach Gründen gesucht werde, einen Krieg zu rechtfertigen. Der Tübinger Rhetorik-Student Peter Croonenbroeck sortiert am Rednerpult erst einmal seine Zettel in aller Ruhe. Doch seine direkte Ansprache und die Übertragung außenpolitischer Fragen auf den Alltag der Bundesbürger reißen das Publikum mit: "Wenn der Staat nicht mehr an wichtige Ressourcen kommt, bekommen auch seine Bürger Probleme bei der Grundversorgung." Clemens Lechner schließt den Rede-Reigen mit dramatisch-drastischen Vergleichen zwischen gefallenen Soldaten (im Krieg) und ein paar frischen Erdbeeren (Sicherung wirtschaftlicher Güter). Bei seiner Rede sind beide Hände munter in Bewegung, er zeigt auf die Vertreter der Regierung, ballt bisweilen seine rechte Faust voller Kampfesgeist. "Unser enges Grundgesetz-Korsett muss bleiben – es sichert den Frieden."

Während sich hinter den Scheiben der Aula an der Scharnhorststraße immer mehr Sonnenanbeter in Badehose und Bikini am Aasee tummeln, ziehen sich die beiden Jurys zur Beratung zurück. Die Ehrenjury um MdB Ruprecht Polenz und WWU-Rektorin Prof. Dr. Ursula Nelles ("wir suchen 'The sexiest RednerIn'") entscheidet schnell. Die Chefjuroren brauchen 40 Minuten, da zwei Teams in die enge Wahl kommen. Die Jury lobt vor allem jene Redner, die weg vom Einzelfall hin zu Grundsatzfrage argumentierten und dies nicht mit allzu großem Getöse taten, sondern mit feiner Rhetorik und persönlichem Ausdruck.

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So wählten sie Philipp Stiel und Peter Croonenbroeck von der Uni Tübingen zum "Deutschen Debattiermeister 2010". Stiel überzeugte auch die Ehrenjury, gewann den ersten Preis als bester Einzelredner. Die eher leisen Töne, die ruhige Überlegenheit, den moralischen Zwiespalt des Themas aufzufangen und glaubwürdig zu argumentieren, überzeugten – auch weil er seine Gegner und deren Argumente ernst nahm. Zweitbester Redner wurde Filip Bubenheimer aus Berlin. Gelobt wurde sein großes Spektrum an Ausdruck und Variation, seine Schlagfertigkeit, sein Umgang mit Bildern. WWU-Rektorin Prof. Dr. Ursula Nelles bezeichnete ihn als "künftigen Meister der klassischen Polemik". Platz drei ging an Clemens Lechner aus Jena, der konzentriert auf den Punkt redete. Die Sieger waren begeistert und bedankten sich auch für die tolle Organisation. "Wir hatten stets den Aasee vor der Tür und konnten so schnell regenerieren", sagte Stiel.

Ehrenjurymitglied Ruprecht Polenz lobte die "geschliffen scharfe und fundierte Streitkultur" der Finalisten: "Eine reife Leistung, welche den Teilnehmern auch im Beruf von großem Nutzen sein wird und gezeigt hat, dass Politik auch Spaß machen kann." Polenz brachte auch den einzigen Haken der "10. Debattier-Meisterschaft" auf den Punkt: "Debattieren ist leider immer noch ein Indoor-Sport". Doch kein Redner hat sich heiß gelaufen. Dafür sorgten der erfrischende Applaus des trotz Sommerhitze begeisterten Publikums und der abschließende Sektempfang.

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Über Andreas Hasenkamp 6456 Artikel
Journalist, Online-Redakteur und Event-Fotograf in Münster.

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