Münster-Wolbeck (agh). Wie hängen Bodenbeschaffenheit und Pflanzenwuchs zusammen? Dieser Frage gingen 90 Studierende der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster bei einer Exkursion in den Tiergarten nach. Bodenkunde im Tiergarten gehört zum festen Übungspensum des Geographie-Studiums – nicht zuletzt, weil der Wald gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar ist und eine typische Vegetation für die Region bietet, an der sich grundlegende Zusammenhänge anschaulich erklären lassen. Am Samstagmittag verteilten sich die Studierenden auf mehrere Stationen im Wald, ausgestattet mit Klemmbrettern, Spaten und einfachen Messgeräten, während rundherum Spaziergänger und Hundehalter den Tiergarten wie an jedem anderen Wochenende nutzten.
Drei Gruppen, ein Bodenprofil
Professor Hermann Mattes, Privatdozent Dr. Ingo Hahn und Lehrbeauftragter Carsten Schacht vom Institut für Landschaftsökologie teilten die Studierenden in drei Gruppen auf. Die Teilnehmenden studieren im Bachelor- oder Lehramts-Studiengang Geographie im Haupt- oder Nebenfach und befinden sich im zweiten bis vierten Semester. Die Exkursion sei Standard im Studienprogramm, erklärte Mattes, vergleichbar mit Übungen in den Hockholter Bergen; ihm wären zwar kleinere Arbeitsgruppen lieber, doch der Tiergarten biete verlässlich gute Bedingungen für praktische Übungen wie das Zählen von Regenwürmern, die sich mit größeren Gruppen kaum sauber umsetzen lassen. Dass der Tiergarten jedes Semester erneut angesteuert wird, zeigt, wie sehr sich die Lehrenden auf die Bedingungen vor Ort verlassen können – ein Vorteil, den weiter entfernte Exkursionsziele nicht bieten.
Eiszeitspuren im Erdloch
100 Meter abseits der Seufzerallee, in Höhe des Illa-Andreae-Weges, hockten 30 Studierende um ein metertiefes Erdloch, in dem Carsten Schade kaum zu sehen war. Die meisten machten konzentriert Notizen, einer hielt die Szene mit der Kamera fest. Schade sprach von Carbonatmassen und Wiesenton-Mergel und ging in seiner Erklärung bis ins Pleistozän zurück: In der Saale-Kaltzeit zogen Gletscher über das Gebiet des heutigen Tiergartens, tundrenartige Verhältnisse lassen sich an der Bodenstruktur bis heute ablesen – ein anschauliches Stück Bodenkunde im Tiergarten, das sonst nur aus Lehrbüchern bekannt ist. Für viele Studierende war es das erste Mal, dass sie ein Bodenprofil nicht auf einer Folie, sondern direkt in der Grube vor sich sahen – ein Unterschied, der sich nach eigener Aussage mehrerer Teilnehmender deutlich auf das Verständnis auswirkte.
Vom Boden zur Landnutzung
Schade schlug eine Brücke von der Bodenart zur praktischen Nutzung: Stauwasserböden mit starkem Pseudo-Gley sind für die Landwirtschaft ungünstig, da sie oft zu feucht sind, um befahren zu werden. Ungewöhnlich tief lag in diesem Jahr der Grundwasserspiegel – statt der üblichen 60 Zentimeter maß Schade 120 Zentimeter, also doppelt so tief wie sonst zu dieser Jahreszeit üblich. Die Pflanzen seien entsprechend drei bis vier Wochen früher dran gewesen und bräuchten deutlich mehr Wasser, eine Beobachtung, die zeigt, wie eng Bodenkunde und Vegetation im Tiergarten zusammenhängen und wie unmittelbar sich veränderte Wasserverfügbarkeit auf den Wald auswirkt. Für die Studierenden war dieser direkte Bezug zwischen Messwert und sichtbarer Pflanzenentwicklung einer der eindrücklichsten Momente der Exkursion, weil er zeigt, dass Bodenkunde keine reine Schreibtischwissenschaft ist.
Fazit: Eiszeit-Geschichte greifbar im Tiergarten Wolbeck
Für die Studierenden war die Exkursion mehr als graue Theorie: Im Erdloch am Illa-Andreae-Weg wurde Eiszeitgeschichte greifbar, und der ungewöhnlich tiefe Grundwasserspiegel lieferte einen aktuellen Bezug zum Klimawandel. Bodenkunde im Tiergarten bleibt damit fester Bestandteil der Geographie-Ausbildung in Münster und zeigt, wie viel Wissenschaft in einem scheinbar gewöhnlichen Waldstück steckt. Für künftige Jahrgänge dürfte der Tiergarten damit weiterhin erste Wahl bleiben, wenn es um die praktische Verbindung von Bodenkunde und Vegetationskunde geht. Bis dahin bleibt die Erinnerung an das metertiefe Erdloch am Illa-Andreae-Weg ein gutes Beispiel dafür, wie viel Geschichte unter der Oberfläche eines vertrauten Waldwegs verborgen liegt. Mehr zu Natur und Wissenschaft rund um den Tiergarten gibt es auf wolbeck-muenster.de.
Weiterführender Link: Wolbecker Tiergarten
Meta-Texte
Teaser (Social Media): 90 Geographie-Studierende, ein metertiefes Erdloch, Gletscherspuren aus der Saale-Kaltzeit: Bei der Bodenkunde-Exkursion im Tiergarten Wolbeck wurde Eiszeitgeschichte sichtbar – und der Grundwasserspiegel lag ungewöhnlich tief.
Excerpt (Google-Snippet): 90 WWU-Studierende erkundeten bei einer Exkursion die Bodenkunde im Tiergarten Wolbeck – von Eiszeitspuren bis zum aktuellen Grundwasserstand.
Keywords: Bodenkunde, Tiergarten