Die Orgel lockt mit Rock: Patrick Gläser improvisiert Rock-, Pop- und Filmmusik in St. Nikolaus

Münster-Wolbeck. Wenn ein Organist Rock-, Pop- und Filmmusik auf einer Orgel improvisiert, dann ist das Interesse   keine Eintagsfliege und keine Ausnahme, auch nicht in Münster: Patrick Gläser tritt damit seit Jahren bundesweit auf; im Februar hatte er schon die Kapazität der Heilig-Kreuz-Kirche gesprengt; am Freitagabend füllte er St. Nikolaus – auch wenn keiner der etwa 250 Gäste auf dem Boden sitzen musste.
Die Neugier war groß gewesen auf das ungewöhnliche Konzert, an dessen Zustandekommen Raymund Freiherr Droste zu Senden, Vorsitzender des Förderkreises Drostenhof, lange gearbeitet hatte.
Bestimmte Erwartungen habe sie nicht gehabt, meinte eine Besucherin anschließend, aber sie sei sehr zufrieden: „Was man aus der Orgel alles herausholen kann!“.
Nicht zuletzt kann man mit der profanen Musik, der „Alltagsmusik“ Themen des Lebens in die Kirche holen, in jenen sakralen Raum, in denen heutzutage die meisten Orgeln stehen: Liebe, Tragik, Überalltägliches. Das ist dem Religiösen ohnehin nah, und so stellte Gläser, Musikproduzent, Organist und Chorleiter aus Öhringen, dem Improvisationskonzert wohl nicht zufällig ein Gebet der katholischen Mystikerin Madeleine Delbrêl voran.
Er werde die Stücke improvisieren, Harmonien und Verlauf stünden damit fest, aber er spiele nicht nach Noten, sondern „aus Gehör und Bauch“. Es soll ermöglichen, die Werke Wiederzuerkennen und „sich ein wenig von den Klängen hinwegtragenzu lassen“. Zettel und Bleistifte wurden verteilt, die Kommentare seien für den Organisten eine „willkommene Frühstückslektüre“. So begleitete freilich auch manches Klappern das Konzert. Das fiel nicht ins Gewicht angesichts des durchweg starken, bisweilen frenetischen Applauses – die Klänge kamen bei wohl fast allen bestens an.
Dabei muss man nicht alle Improvisationen als so gelungen empfinden wie jene von „Das Boot“ mit dem fein getupften Ping des Sonars. Freddy Mercurys intensivem Gesang wurde das Spiel nicht gerecht, zu viel vom klaren, durchdringenden Original blieb auf der Strecke – einen Aufguss mit untauglichen Mittel, nur aus Prinzip, will nicht jeder hören. Mancher prägnante Lauf blieb sumpfig stecken. Wesentliches schlicht und klar herauszuarbeiten, abgestimmt auf die (beträchtlichen) Mittel der Orgel, ist eher Aufgabe der Improvisation als eine ablenkende Triole.
Zum Schluss war als einziges Register  der Zimbelstern noch nicht erklungen – den setzte Gläser   noch drauf – und das kam gut an in Wolbeck. Gläser freute sich über die Akustik und die vielen Zungen, im Pedal gleich drei, der Sauer-Orgel. Deren romantische Registrierung komme der symphonisch angelegten Filmmusik entgegen.
Und was hat er nun gespielt?  „Eye of the tiger“, A Whiter Shade of Pale“, „Awesome God“, „Nights in White Satin“, „Old and Wise“, „Nothing Else Matters“, „First Knight“, „All you need is Love“, „Sailing“, „Das Boot“, „Gladiator“, „Bohemian Rhapsody“, „Emmanuel“, „Fluch der Karibik“, „Braveheart“, „Star Wars“, „Imperial March“ und „Christ ist erstanden“.  Die Zugaben: „Paint It Black“ (M. Jagger, K. Richards), „Music“ (J. Miles), und „L'amours toujours“.

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