‚Die Kollektion‘ dynamisiert auf zwei Bühnen Harold Pinters Erfolgsstück aufgeführt vom Theaterlabor Münster

‚Die Kollektion‘ dynamisiert auf zwei Bühnen Harold Pinters Erfolgsstück aufgeführt vom Theaterlabor Münster

Münster-Hiltrup. Theater ist etwas anderes als Literatur; eine Inszenierung nicht ihre lineare Umsetzung. Das zeigte am Montag- und Dienstagabend die Art der Aufführung, die das Theaterlabor Münster im Kulturbahnhof Hiltrup darbot. „Die Kollektion“ des englischen Dramaturgen Harold Pinter ist die Vorlage, ein ernüchterndes Verwirrspiel um Wahrheit und Unwahrheiten, um die Erkennbarkeit der Wahrheit.
Eine angebliche Affäre konfrontiert drei Männer und eine Frau. Die eine Wahrheit führt zum Messerkampf zweier Männer und einer verletzten Hand, dann wird eine andere Wahrheit angeboten – die würde alles befrieden, zwischen den Männern, zwischen Frau und Ehemann. Ob sie wahr ist – niemand wird es erfahren, auch die Zuschauer nicht. Sie, die alle Szenen verfolgen und so privilegiert sind gegenüber den Akteuren, müssen dies hinnehmen.

Das Geschehen findet statt auf zwei Bühnen; die Zuschauer sind direkter als sonst einbezogen, müssen das Hin und Her verfolgen, den Gang der Schauspieler, die eingefrorenen Szenen. So beschleunigt die Inszenierung das linear erzählte Geschehen.

Der Regisseur Dr. Enrico Otto greift auf ein Aufführungskonzept aus dem russischen Theater der 1920er Jahre zurück, von Alexander Jakowlewitsch Tairow (* 1885), dem Begründer des Kammertheaters. Ein weiterer Eigenbeitrag der Inszenierung ist der Part des Klaviers, gespielt von Sophie Gonschorek – Pinter hatte dergleichen nicht vorgesehen.
Ganz nebenbei ist die Inszenierung noch eine pädagogische Form: Sie konfrontiert die Schauspieler mit einer neuen Herausforderung. Ihnen gelingt im Kulturbahnhof eine transparente, sehr lebendige Darstellung: Petra Grycová als angebliche Femme fatale, Christopher Kühne als angeblicher Liebhaber, Michael Büzelbey als womöglich Gehörnter, Mattias Liebl als Wahrheitsanbieter.
Gern nutzte das Publikum die Gelegenheit, nach dem knapp einstündigen Stücke Eindrücke auszutauschen und Otto Hintergründe erklären zu lassen. Die Premiere am Montag hatte etwa 50 Gäste angezogen.

Mehr Informationen:

Tairow: DFG-Forschungsprojekt „Aus dem Geiste der Bewegung geboren. Moskauer Kammertheater von Aleksandr Tairov im Spannungsfeld zwischen Russland und dem Westen“

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