18.07.2026

Das Leben im Tiergarten Wolbeck und wie man es schützen kann

Rüdiger Wittig referiert über Flora und Fauna des Tiergartens - und seinen Schutz.

Bericht zum Vortrag über Waldgeschichte und Schutzfaktoren im Wolbecker Tiergarten

Botaniker wünscht Platz für Kinder im Tiergarten / Baum-Verpflanzung am Schulzentrum nicht sinnvoll

Münster-Wolbeck (agh). Der Wolbecker Tiergarten ist einzigartig und biologisch wichtig – aber er wird unzureichend geschützt. Diese Botschaft vermittelt der Geobotaniker und emeritierte Professor Rüdiger Wittig am Freitagabend im Pfarrheim von St. Nikolaus den Gästen des Heimatvereins Wolbeck. Viele Arten gebe es nur wegen der besonderen Voraussetzungen. Zu ihnen gehöre die Vielfalt an Bodensorten und Mikroklima, aber auch das Alter von gut 800 Jahren (siehe die Geschichte des Tiergartens Wolbeck) . Totholz begünstige vieles Leben, vermittelte Wittig den 20 Gästen. Der Tiergarten hat nicht nur ein Stück, das als Flora-Fauna-Habitat besonderen Status hat, er steht insgesamt unter Denkmalschutz, auch sein Wall.

Einfallstore für Schäden: Springkraut und falsche Maht

Trotz seines Schutzstatus sei der Wolbecker Tiergarten gefährdet. Zum einen breiten sich gebietsfremde Pflanzenarten wie das Indische Springkraut massiv aus und verdrängen die heimische Flora; sie müssen aufwendig und regelmäßig gemäht werden. Zum anderen richtet der Mensch große Schäden an: Da wird zur falschen Zeit gemäht, sodass Tieren die Blüten fehlen – das müsste, so Wittig, man doch bei der Auftrags-Vergabe im Griff haben. Da liege der Fehler nicht beim Waldarbeiter.

Illegale Pfade und Mountainbikes bedrohen den historischen Wall

Viele Besucher ignorieren das Wegegebot. Man müsse Hunde nicht anleinen, aber sie müssten auf den Wegen bleiben. Wo Bäume auf einem „Weg“ querliegen, ist das ein Zeichen, umzukehren. Viele ignorierten es. Menschen schaffen illegale Trampelpfade, und Mountainbiker fahren auf dem Wall über freiliegende Baumwurzeln. Wenn die Rinde der Wurzeln dabei abgerissen wird, können zerstörerische Pilze in die Bäume eindringen und diese zum Absterben bringen. Radspuren führen zu Rinnsalen, die Erde mitreißen und den Wall schrumpfen lassen. Wo ein Dutzend Kinder Äste sammelt, sterben unbemerkt Tiere wie der Salamander.

Siehe den Guide zum Tiergarten für Besucher und Naturfotografen.

Streit ums Geld: Ranger abgelehnt, Baum-Verpflanzung in der Kritik

Botaniker appelliert daher eindringlich an Respekt vor der Schutzwürdigkeit dieses einzigartigen Natur- und Kulturdenkmals und fordert mehr Achtsamkeit beim Besuch des Waldes. Wittig wünscht sich einen „Ranger“, der nach dem Rechten sieht. Das habe der Oberbürgermeister abgelehnt, mit Verweis auf fehlendes Geld. Aber Geld sei doch da, das zeige der Entschluss zur Verpflanzung von Bäumen am Schulzentrum. Diese Maßnahme lehnt Wittig ab.

Ein eigener Bereich für den Nachwuchs

Wittig plädierte dafür, eine der 22 Abteilungen des Tiergartens für das Spielen von Kindern freizumachen. Es sei „wichtig, dass Kinder im Wald lernen, wie schön das ist“.

Was Wittig über Flora und Fauna dieses alten Waldes berichtete, lesen Sie hier. Fotos aus dem Tiergarten Wolbeck hier.

1. Geschichte des Gebiets

Der Wolbecker Tiergarten ist ein sehr alter Wald, der nachweislich seit über 800 Jahren existiert. Er war also bereits vorhanden, bevor die Siedlung Wolbeck überhaupt gegründet wurde. In der Vergangenheit wurde das Gebiet von den Fürstbischöfen (wie Franz von Waldeck und später Clemens August) als Jagdrevier genutzt. Um zu verhindern, dass das eingetriebene Wild – zeitweise rund 1000 Rehe und 500 Wildschweine – entkommen konnte, ließ man den Wald mit einem dichten Wall und Gräben umgeben. Auch das Jagdschlösschen am Rand des Waldes stammt aus dieser feudalen Zeit. Was heute kaum jemand weiß: Nicht nur die alten Gebäude, sondern der gesamte Wall und der Wald selbst stehen unter Denkmalschutz sowie unter strengem Naturschutz.

2. Standortfaktoren und Bodenkunde

Ein Blick auf die Bodenkarte zeigt ein extrem kleinräumiges Mosaik: Es gibt stark sandige, aber auch stark lehmige Böden. Hauptsächlich handelt es sich um sogenannte Stauwasserböden (Pseudogleye), die im Winter nass und im Sommer oft trocken sind. Der Wald ist heute in 22 Forstabteilungen unterteilt. Eine Besonderheit ist die Naturwaldzelle (“Teppes Viertel”), die seit 100 Jahren nicht mehr forstwirtschaftlich genutzt wird und in der Natur Natur sein darf. Ein weiterer wichtiger Faktor für die Artenvielfalt ist das Mikroklima, das sich zum Beispiel an den verschiedenen Flanken des historischen Ringwalls stark unterscheidet und unterschiedlichen Pflanzen Lebensraum bietet. (Ein Foto des Weihers von 2014 findet sich hier)

3. Lebensraum Wald und seine Pflanzenwelt (Flora)

Von Natur aus ist der Wolbecker Tiergarten vor allem ein Eichen-Hainbuchenwald. Aufgrund der unterschiedlichen Boden- und Lichtverhältnisse findet sich hier eine enorme Pflanzenvielfalt:

  • Farne: An den kühlen, feuchten Hängen des Walles wächst beispielsweise der seltene Schildfarn. Auch andere Farngattungen wie Dryopteris (Wurmfarn) und Athyrium filix-femina (Wald-Frauenfarn) sind hier zu finden.
  • Krautige Pflanzen: Der Waldboden ist Heimat für Pflanzen wie den Waldsauerklee, den Bärlauch und typische Altwaldzeiger wie die Einbeere. Auch das Hexenkraut und Waldweidenröschen bedecken große Flächen.
  • Brombeeren: Eine Besonderheit im Tiergarten sind die Brombeeren. Sie bilden kein permanentes Holz aus (die Triebe sterben nach zwei Jahren ab) und zählen daher botanisch nicht zu den echten Straucharten, sondern zu den Scheinsträuchern. Im Tiergarten wurden beachtliche 40 bis 50 verschiedene Brombeer-Arten nachgewiesen.

4. Totholzökologie, Pilze und Algen

Der Tiergarten spielt eine immens wichtige Rolle für sogenannte Xylobionten (holzbewohnende Organismen). Über ein spezielles Totholz-Programm werden alte, absterbende Bäume im Wald belassen, um diesen Arten einen Lebensraum zu bieten.

  • Pilze: Auf diesem stark verrotteten Totholz wächst beispielsweise der extrem seltene Pilz „Ästiger Stachelbart“ (Hericium coralloides). Auch Fliegenpilze und Erdsterne kommen vor.
  • Algen und Flechten: In den Gewässern des Tiergartens wurde eine neue Kieselalge entdeckt, die nach ihrem Fundort Wolbeck wissenschaftlich benannt wurde (wolbeckensis). Zudem wachsen an den Bäumen wieder vermehrt Flechten – eine Symbiose aus Pilz und Alge –, die sich nach den Zeiten des sauren Regens allmählich erholen. An den Wegen findet sich zudem die umgangssprachlich genannte “Pinkelalge”, die von stickstoffreichen Böden (etwa durch Hunde-Urin) profitiert.

5. Die Tierwelt (Fauna)

Der Tiergarten ist ein Fauna-Flora-Habitat (FFH-Gebiet) und beheimatet viele streng geschützte FFH-Arten:

  • Vögel: Allein fünf verschiedene Spechtarten (darunter Schwarzspecht, Grünspecht, Buntspecht und Mittelspecht) leben im Gebiet.
  • Amphibien und Reptilien: Neben dem streng geschützten Kammmolch leben hier die Blindschleiche, die Waldeidechse, die Mooreidechse und die Ringelnatter.
  • Feuersalamander: Der Feuersalamander ist eine der wichtigsten Arten des Gebiets. Er ist jedoch massiv durch die Salamanderpest (den Bsal-Pilz) bedroht, weshalb Besucher dringend auf den Wegen bleiben und im Idealfall ihre Schuhe desinfizieren sollten, um die Sporen nicht weiterzutragen.
  • Säugetiere und Insekten: Zur Fauna gehören seltene Fledermäuse wie die Bechsteinfledermaus und gigantische Totholzkäfer wie der Hirschkäfer. Insgesamt wurden in der Naturwaldzelle fast 560 Käferarten gezählt.

6. Gefährdung und Schutz des Gebiets

Trotz seines Schutzstatus ist der Wolbecker Tiergarten stark gefährdet.
Zum einen breiten sich invasive (gebietsfremde) Pflanzenarten wie das Indische Springkraut massiv aus und verdrängen die heimische Flora; sie müssen aufwendig und regelmäßig gemäht werden.
Zum anderen richtet der Mensch große Schäden an: Viele Besucher ignorieren das Wegegebot. Es entstehen illegale Trampelpfade, und Mountainbiker fahren über freiliegende Baumwurzeln. Wenn die Rinde der Wurzeln dabei abgerissen wird, können zerstörerische Pilze in die Bäume eindringen und diese zum Absterben bringen. Der Vortragende appelliert daher eindringlich an die Schutzwürdigkeit dieses einzigartigen Natur- und Kulturdenkmals und fordert mehr Respekt und Achtsamkeit beim Besuch des Waldes.

Bibliografie

Striepen, Klaus; Schlagner-Neidnicht, Johannes; Elmer, Michel (2024): 100 Jahre natürliche Waldentwicklung in der Naturwaldzelle Teppes Viertel. In: Abhandlungen aus dem Westfälischen Museum für Naturkunde, 41-56.

[Transkription by VoicePen – na ja; Korrigiert mit Wittig 2024 via NotebookLM]

Andreas Hasenkamp

Journalist und Event- sowie Portraitfotograf in Münster