Christoph Sieber provoziert Fragen im Bürgerhaus Telgte Kabarettist bohrt gern tiefer und blickt auch auf Seinesgleichen

Christoph Sieber provoziert Fragen im Bürgerhaus Telgte Kabarettist bohrt gern tiefer und blickt auch auf Seinesgleichen

Zuletzt aktualisiert 30. April 2018 (zuerst 28. April 2018).

Telgte. Der Söder hätte ja statt eines Kruzifix den Paragraf 1 des Grundgesetzes aufhängen können: Der Kabarettist Christoph Sieber dachte am Samstag im Bürgerhaus nah am politischen Puls der Zeit. Er bürstete vor vollem Haus manches gegen den Strich, weniger mit der Bürste, eher schon mit Harke und Spaten: Sieber gräbt gern tiefer.
Das Publikum, er zieht es tief hinein in sein Gespräch: Erst ist die Rede vom „Telgter Hexenkessel“ ein kontrafaktischer Joke, später Realität – herzlich wird gelacht. Oder ergriffen gelauscht, wenn Sieber seine Zeitgenossen Mores lehrt, etwa zur Armut: die sei „gewollt“, die Finanzkrise 2007/08 hätten nicht die Hart-IVer ausgelöst, sondern jene, die „von allem zu viel“ hätten. Zur Kapitalismus-Kritik gesellt sich Überraschendes: „Das Schlimmste an der Bahn sind ja die Kunden.“ Europa: Ja, aber „wir müssen die Unterschiede pflegen“. Glänzend prognostiziert Sieber das Wirken der smarten Elektro-Krücken des verdummungsbereiten Konsumenten: die App warnt vor der Laterne, die Haustür mahnt ans Milch-Kaufen, der Kühlschrank verschließt sich – während die smarten Socken mit dem Schlüpper Kant diskutieren.
Deutschland habe eine Gesellschaft, die glaube, das Beste liege hinter ihr: Eine lebendige Gesellschaft sehe anders aus. Es ist ganz und gar nicht immer lustig bei Christoph Sieber. Aufmerksam folgt das Publikum, denkt auch mal voraus – und weiß schon, welches Grün des Kabarettisten Eltern im Keller dank Sauna-Hitze züchten wollen. Ein bisschen Marihuana-Werbung geht auch noch mit. Fulminant ist seine Persiflage auf dünnpfiffigen Schlager-Textquark mit verhohnepiepelnder Tanzeinlage: Der müsste wirklich mal zum Eurovision-Song-Contest.
Gegen den Strich beharkt er dann sich und seinesgleichen, die Kabarettisten – Sprüche rausgehauen, Witz gemacht, dann wars ja doch ein schöner Abend und man nimmt das Geld mit nach Haus. Wenn seine Gäste mit mehr Fragen nach Hause gingen als sie mitgebracht hätten, dann sei’s ein Erfolg, sagt Christoph Sieber. Das dürfte funktioniert haben im Bürgerhaus Telgte.

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