Brücken zwischen Jahrhunderten: TaMiGu-Trio erfrischt beim 4. Renovatio-Konzert in Sankt Nikolaus

Münster-Wolbeck. Münsters Südosten verdankt ihr viel, der Renovierungsbedürftigkeit der Orgel von St. Nikolaus in Wolbeck. Die Konzerte in dem Sakralraum mit seiner guten Akustik hatten schon vorher Tradition. Mit den Renovatio-Konzerten, deren Viertes am Sonntag stattfand, kam ein neuer Schwung mit beachtlicher musikalischer Vielfalt auf.

Der setzte sich am Sonntag mit dem TaMiGu-Trio fort. Das TaMiGu-trio besteht aus Tamara Buslova, Michael Nachbar und Günther Wiesemann. Das Trio spielt seit vier Jahren zusammen und bestreitet rund 200 Kammer- und Kirchenkonzerte im Jahr.

In Wolbeck stellten die drei Werken aus älterer Zeit – Tommaso Antonio Vitali, Bach, Händel – zeitgenössische Musik gegenüber – Max Reger und Wiesemann.

Sie widmeten das Konzert dem verstorbenen Papst – eine Reverenz über Glaubensrichtungen hinweg, denn Buslova ist russisch-orthodox, Nachbar jüdisch und Wiesemann evangelisch.

Eine tragende Aufgabe für fast alle Stücke besaß die Violine von Michael Nachbar. Dezent begleitet von der als Pianistin ausgezeichneten Tamara Buslova an der Orgel fesselte Nachbar vom ersten Augenblick an in der hervorragenden Akustik von der Empore aus mit festem Strich. Vitalis(1663 bis 1745) Chaconne, ein Paartanz, geriet in der keinem Autor mehr genau zuzuschreibenden Bearbeitung zu einer Demonstration technischer Raffinessen, mit in der Violinen-Literatur nicht alltäglichen Doppelgriffen und anderen, nicht überall zu hörenden Effekten. Kleine Unsauberkeiten und eine im Ganzen vielleicht etwas liebliche Umsetzung schmälerten diesen Genuss kaum. Nachbar war nach Studium am Konservatorium in Odessa in der Sowjetunion erster Konzertmeister der Czernowitzer Philharmonie.

Seit Anfang der achtziger Jahre, wo er auch Wiesemann kennenlernte, ist Nachbar Geiger des Philharmonischen Orchesters der Stadt Dortmund und tritt solistisch und mit Kammermusik auf.

Kirchenmusik in neuem Gewand intonierte dann Komponist und Interpret Günther Wiesemann an der Orgel. Elemente wie die Melodie „Aus meines Herzens Grunde“ aus dem Jahre 1598 ließe er in außerirdisch, sphärisch wirkenden Miniaturen erklingen, sie sollten, so Wiesemann, wie „hinter einem Zeitvorhang auftauchen“. Dissonante Einsprengsel, häufige Tempi-Wechsel, verfremdete klassische Melodie-Bruchstücke, starke volle Bässe mit zarten hohen Lagen gefolgt von dräuendem Bass boten ein seltenes Hör-Erlebnis.

Wiesemann schrieb Literatur für Kammermusik, Symphonien, Orchesterwerke und ein Requiem.

Mit einer Komposition Wiesemanns für Schlaginstrumente für drei Spieler wechselten die Musiker in den Altarraum. Hier entstand, zumindest in den ersten Reihen gut sichtbar, in filigraner Arbeit Musik aus differenzierter Behandlung von Tamburin, libanesischen Klangschalen, Glöckchen und anderem Schlagwerk. Vom Schlag über Reiben und Drehen zeigte besonders Wiesemann die Möglichkeiten dieser einfachen Instrumente auch für anspruchsvollere Kompositionen. Das teils sehr leidenschaftliche Stück „devozione, diaframma e coperta“ sollte, so Wiesemann in seiner Einleitung, Schallwellen in den Raum senden und wieder empfangen.

Dann ließ Michael Nachbar wieder seine Violine singen und ließ dem Wandel von Schwermut zu Aufbruch in Bachs Grave und Allegro aus der a-moll Solo-Violinsonate mit großer Leichtigkeit, begleitet von Buslova, die „Air“ aus der Orchestersuite BWV 1068 folgen.

Buslova und Nachbar boten mit Händels bekannter Sonate Nr. 4 ein Werk von poetischer Strahlkraft und tänzelndem Überschwang.

Gegensätzliches, „Disparatia“ markierte die Kompositon Wiedemanns für Orgel, Violine und Schlagwerk. Vibrierende Bässe, stilistische Anknüpfungen an die Klassik ohne Zitate, gezielte Dissonanzen kennzeichnen dieses Werk, dem in hohen Lagen der Orgel noch eine schneidende Violin-Stimme obenauf gelegt wird. Die Orgel ließ hier allerdings ihren Reparatur-Bedarf hören.

An das Ende der abwechslungsreichen anderthalb Stunden, von intensivem Applaus gewürdigt, setzten Buslova und Nachbar eine wärmende Romanze Max Regers, bevor TaMiGu nach einer Violinsolo-Zulage dieetwa hundert Zuhörer in den nun trockenen April-Abend entließ.

Thorsten Schwarte als Organisator sagte mit Blick auf die Spenden für die Orgel-Renovierung, ein sehr guter Weg sei beschritten, ein kleines Stück aber noch zu gehen. 18.000 Euro seien bereits zusammengekommen. 25.000 müssen es werden.

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