Aus dem Einschnitt wird Einblick in den Stein

Silbernagel platziert neuen Monolithen vor Atelier in den Rieselfeldern in Münster

Ein neuer Monolith erhebt sich nahe Sandra Silbernagels Atelier in den Rieselfeldern. Begleiten Sie die spannende Ankunft eines 32 Tonnen schweren Kunstwerks, das mit Präzision und Hingabe platziert wird. Ein Fenster in die Urzeit und ein Blick in die Zukunft – erleben Sie die Magie einer Transformation in den Rieselfeldern. 

Münster. Ein Monolith weicht, ein neuer lädt ein an Sandra Silbernagels Atelier neben dem Heidekrug in den Rieselfeldern. Der alte zog viele Menschen an, gerade Familien – mit seiner Monumentalität, der Zugänglichkeit, den Formen. Am Mittwoch nahte der neue.

An diesem Tag ist Silbernagels Kunst zuallererst Logistik. Aus Bayern kommt der riesige LKW, hinter Planen liegen fünf Stein-Teile, 32 Tonnen zusammen. Der Schwerlast-Kran wartet, sein Arm ist ausgefahren, der Hebepunkt mit der größten Kraft ist ermittelt, neben dem Kran liegen auf Splitt vier Balken, darüber eine Skizze, mit einem Element, das einem Konzertflügel ähnelt. Drei Stunden Stau hielten den LKW-Fahrer auf, die letzten Kilometer dirigieren Silbernagel und ihre Helfer. Der LKW rollt vor, muss zwischen Schildern und Trafo um die Ecke rückwärts eng an den Kran. Das Knirschen der heißen Reifen verrät die noch unsichtbare Schwerlast.

Die LKW-Plane wird eingezogen – alle Elemente sind da, eine Macke fällt auf. Kurz ist Zeit, die hellen Linien von erstarrtem Quarz zu bestaunen, das zuletzt Erstarrte in den Spalten im Magma, vor 330 Millionen Jahren. Freunde der Künstlerin staunen aus Abstand mit, denn gleich geht es an die kritischen letzten Meter. Zwei befreundete Steinmetze sind gekommen, Christof und Roland Plagemann, klettern über die Steine, schauen genau hin. Viele scharfe Kanten haben die Steine, sie können leicht brechen; Unterlagen und Holzblöcke sollen den Druck ableiten. Der Schwerpunkt ist kritisch, auch sollten die Steine in der Waagerechten bleiben und kontrollierbar. Und wie bekommt man die über dreißig Zentimeter breiten Gurte unter dem Stein weg, wenn der mit seinen elf Tonnen erst einmal liegt? Optionen werden durchgespielt, beraten, dann zieht der Kran an, hoch, zur Seite, nach unten, für Sekunden ist die Unterseite des Steins zu sehen.

Das Trio und der Kranführer behandeln das Magma wie ein rohes Ei. Die Steinmetze und die Künstlerin drücken den schwebenden Koloss hin und her, bis er gut liegt. Silbernagel ist mitten drin, mit Laptop, Skizzen, Kantholz. Die nächste Präzisions-Aufgabe kommt gleich – der nächste Stein muss mit seinen Bohrlöchern genau in vier Stahlstifte passen, die ihn fixieren sollen. Wieder ist die Waagerechte gefragt. Das geht glatter als gedacht, nichts geht kaputt.

Spät dran ist man dennoch. Das ist für die Künstlerin teuer, schon wegen des Krans. Sie muss alles vorfinanzieren. Finanziert ist das Kunstwerk für sie erst, wenn es wieder davonfährt, zu einem Käufer. Wie der letzte, ein 22-Tonner, der nun Teil der „Emsdeich Skulpturen“ bei Greven ist. Bis dahin freut sich Silbernagel, wenn auch dieser neue Monolith „belebt“ wird.

Man müsse auch mal etwas Schräges machen, das den Horizont erweitert, sagt sie. Perspektiven und Assoziationen biete das Objekt viele: Weite, Durchblick, ein Fenster in nie zuvor Sichtbares und in die Leere – das Ausgeschnittene liegt gleich daneben. Es sei auch ein „Zeitfenster“, das deutlich mache, „dass wir nur wie ein Augenschlag sind“.

Ihr Atelier öffnet Silbernagel für Besucher an jedem dritten Sonntag, von Mai bis September, von 14 bis 18 Uhr. Am Pfingstsonntag ab 14 Uhr lädt die Künstlerin zur Eröffnung ein. Dabei spricht sie über Herkunft und Entwicklung des Objekts.