Aufführung bietet Nachdenkliches zu Methoden der Erziehung von vorgestern und heute

Zuletzt aktualisiert 25. Februar 2016 (zuerst 30. November 2014).

Münster-Hiltrup. Ein wenig lustig war es auch, da und dort, das Programm „Der Struwwelpeter und andere Geschichten, Lieder und Gedichte von bösen Buben und garstigen Mädchen“. Anna Barbara Hagin und Irmgard Himstedt boten auf Einladung der Kulturbühne Hiltrup im Heimatmuseum „ein szenisch-musikalisches Kunst-Stück“ – der Titel ist berechtigt.

Von Maden, Kindern und Seelen-Morden

Schmunzeln kann man noch bei „Die Made“ von Heinz Erhardt, doch sie birgt eine grausige Moral vom Schicksal von Kindern, die nicht auf die Mutter hören.

In die Rolle eines jungen Schülers, fast vor Angst zitternd, schlüpft Hagin beim „Schülergelöbnis“ aus dem 19. Jahrhundert. Noch manch anderer Erziehungs-Text ist eingeflochten, etwa die „Übungen zur völligen Unterdrückung der Affekte“.

Aus welcher grauen Vorzeit das wohl kommt? Ob sie vielleicht nicht so fern ist?

Da passt es hinein, wenn das Duo der Deklamation von „Pädagogische Schläge sind Schläge des Liebhabers“ von anno 1887 Auszüge von Amy Chuas „Die Mutter des Erfolgs“ folgen lässt – von anno 2011.

Wie präsent manche erzieherische Alt-Weisheit in den Köpfen ist, zeigten die Besucher: Manchen vom Duo begonnenen Satz sprachen die meisten der 30 Gäste spontan selbst halblaut zu Ende.

Manches endet mit unerwarteter, aber klarer Botschaft. „Naumanns Fritzchen“ wird aufgehängt, von seinen kleinen Spielkameraden: „Sie kannten aus der Zeitung die Geschichten, in denen Mord vorkommt und die Polizei.“  „Wir haben es nur wie die Erwachsenen gemacht“, endet Kästners „Ballade vom Nachahmungstrieb“ (1932).

Anna Barbara Hagin spricht und spielt in dieser dichten, in hoher Perfektion vorgetragenen, durchweg fesselnden szenisch-musikalischen Umsetzung der Stoffe. Irmgard Himstedt erzeugt dazu Musik (mit der Querflöte – Mozart und Vivaldi) und Geräusche (mit allerhand von Saiten bis Glas), mimt kongenial, ausdrucksstark auch mit kleinsten Bewegungen, und stolziert als Hans-guck-in-die-Luft mit Hagin umher. Das Zusammenspiel sitzt perfekt – das Duo ist schon lange gemeinsam unterwegs, trat auch schon mit einem Erich-Kästner-Programm über Frauenschicksale in Sendenhorst auf.

 

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