Berichte aus Kunst & Kultur

Klezmer-Klänge mit Polit-Einschlag

22 Mrz , 2006  

Sendenhorst. Wer einen Brecht-Abend erwartete, lag zumindest auf der Linie der Texte. Das weitere war  so urwüchsig originell und unvorhersagbar, wie man es von einer Gruppe erwarten durfte, deren Namensgeber ein freundlicher Waldkobold aus Westsibirien ist. Am Freitagabend  (17.03.2006) spielte „Schnaftl Ufftschik“ gemeinsam mit dem Buchautor, Regisseur und Gesangsimitator Steffen Mensching in Haus Siekmann auf.

Ein politisch’ Lied, ein garstig’ Lied – der sozialkritische Tenor des roten Fadens, den Gastmitglied Mensching konsequent durch den Abend zog, stieß in einigen Teilen auf Widerspruch. „Zehn kleine Negerlein“ brechen im Boot ins gelobte Europa auf, doch Wellen, Küstenwache und Grenzschutz lichten ihre Reihen. Der einzige, der es lebend zurück schafft, versucht, sich seine Einreise über den Fußball zu sichern. Europa ist nur kommerziell zu knacken.

Die unschönen Blüten, die Wohlstandsgefälle und der europäische Blick auf den minderbemittelten Rest der globalisierten Welt hervortreiben, nimmt auch „Sandy“ aufs Korn – die naiven Afrika-Reisenden leitet der Dschungelführer über Stock und Fluss bis zum Abkassieren unter unsanftem Druck. „Randländer im Packeis der Weltbank“ und das prosaisch beschriebene Dahinscheiden eines Obdachlosen mit Schäferhund deuten weitere Facetten des Fadens an. Diese Passagen aus Menschings jüngst erschienenem Buch „Ohne Theo nach Lodz. Und andere Reisegeschichten“ prägten den Abend; hinzu kam Felix Gasparas „Muschel von Margate“.

Schwerer Stoff, auch wenn er mit literarischem Niveau und hintergründigem, auch galligem Humor verfasst und mit schauspielerischem Esprit und Verve vorgetragen wird. Und auf das Beste verwoben mit der Band, deren Instrumentalisten für diese Linie gern auch den Chor geben. Die Band steht dahinter, sagen sie, und so hört sich „Last Minute Gesänge“ auch an: wie aus einem Guss.

Der Spaß kommt nicht zu kurz, auch nicht in den instrumentalen Teilen. Die Bandbreite der Klänge deutet das Ursprungsprogramm der 1995 gegründeten Sechser-Band an, die „deutschen Marsch mit Samba“ verbinden wollen. In Haus Siekmann ließen sie auch „schnaftilisierte“ irische Musik hören, Klezmer, Balkan, Charleston, Tango, Ragtime – fetzig und fein, ungestüm und überraschend in Wendungen und Abstürzen.

Sousaphonist Stefan Gocht belüftet auch die Posaune im Spaß-Duett mit Posaunist Johannes Siedel, und bei einer Gesangseinlage reicht Gochts Stimme von Bass bis Kastrat. Mit einer Fülle von Klangerzeugern spielt Perkussionist Christoph Renner auf und untermalt Menschings Erzählungen ebenso kongenial wie Reinhard Gundelwein mit seinen Klarinetten und Lutz Wolf an der Trompete. Uwe Stegers Akkordeon klingt auch mal nach E-Gitarre, mitunter sogar nach Akkordeon; er steuert elektronisch manch ausgefallene Geräusche bei.

Der Auftritt war der erste mit diesem Programm in den alten Bundesländern. Klezmer war zuerst vor vier Jahren in Sendenhorst zu hören, 2004 hatte Schnaftl Ufftschik ihren ersten Auftritt.

Der Saal war begeistert, auf offener Bühne begann der Gastgeber, Jürgen Krass, mit den Verhandlungen über eine Wiederkehr. Der Kobold soll nicht abgeneigt sein.

Bild: 1426

Mit Steffen Mensching (r.) entführte Schnaftl Ufftschik die Gäste in Haus Siekmann in die Megametropolen dieser Welt.

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